Baby Dee Interview

Nächsten Donnerstag, am 22. September, tritt die wunderbare Baby Dee im Berghain auf. Folgendes Interview führte der Verfasser dieses Blogs vor drei Jahren, im Januar 2008, für die Berliner Zeitung anlässlich ihres damals gerade erschienenen Albums „Safe Inside the Day“.

 
Frau Dee, woher kommen Sie eigentlich? Wo sind Sie aufgewachsen?

In Cleveland, Ohio.

Eine berühmte Stätte des Punkrock.

Tatsächlich?

Dead Boys, Stiv Bator, Pere Ubu …

… hm, kann sein. Ich würde sagen: Cleveland ist vor allem für seinen brennenden Fluss berühmt. Alle paar Jahre entzündet sich dieser verdammte Fluss, weil er so dreckig ist. Cleveland ist eine der dreckigsten Städte, die es gibt.

Gibt es da nicht einen Song darüber?

Oh ja, irgendso ein Mensch hat den Fluss mal besungen, wie hieß der noch gleich: Andy, nein . Wendy! Wendy Newman!

Randy Newman?

Genau, der.

Seit wann machen Sie Musik?

Seit frühester Kindheit. Ich bekam Klavierstunden, aber eigentlich wollte ich schon immer die Harfe spielen. Und das kam so: Eines Tages, ich war vielleicht fünf Jahre alt, sah ich unsere beiden Nachbarn in ihrem Garten ein Klavier zerschlagen, und im Inneren des Klaviers kam etwas zutage, was wie eine Harfe aussah. Die Nachbarn hießen Bobby Slot und Freddy Weiss, ich habe die Geschichte auf einem Song in dem neuen Album verarbeitet: „The Dance of Diminishing Possibilities“. Seitdem habe ich jedenfalls geharft. Anfang der Siebzigerjahre ging ich nach New York, um dort als harfender Bär aufzutreten, da habe ich mit meiner Musik zum ersten Mal auch etwas verdient. Ich trug ein Bärenkostüm und harfte in den Parks. Damals war ich übrigens noch ein Mann.

Ist es nicht schwierig, in einem Bärenkostüm zu harfen?

Ach nein, das geht ganz gut. Da, wo sonst die Pfoten sind, hatte ich Handschuhe an. Ich konnte die Finger auf diese Art frei bewegen. Und es ist wirklich ein tolles Gefühl, so ein Bärenkostüm zu tragen, probieren Sie das mal aus! Ich habe das lange Zeit gemacht, später auch in Paris. Dann habe ich das Kostüm in Frankreich gelassen und ging zurück nach New York, und weil ich mich zu dieser Zeit sehr für Renaissance-Musik interessierte, bekam ich einen Job als Chorleiter und Organist in einer Kirche.

Haben Sie irgendwas von dem wahrgenommen, was in den 70er- und 80er-Jahren in New York passierte? Glamrock, Punkrock, New Wave?

Nein, nichts davon. Nicht, weil ich es nicht mochte; als Jugendlicher, in der High School, habe ich Jimi Hendrix und die Byrds gehört; und Johnny Cash, den fand ich ganz großartig. Aber ich hatte eben diese Obsession, der ich gefolgt bin. Ich war kein religiöser Mensch, aber nichts hat mich jemals so sehr berührt wie diese alte Kirchenmusik. Ich blieb also bis Mitte der Achtzigerjahre Chorleiter dort; so lange, bis ich genug Geld zusammenhatte, um mein Geschlecht zu wechseln. Das fanden die in der Kirche nicht so gut. Darum musste ich mir einen neuen Job suchen. Ich begann wieder, als Soloharfenistin zu arbeiten; damals spielte ich vor allem Jazz-Standards und alte Comedy-Musik. alles, womit man einen Dollar machen konnte.

Hatten Sie Vorbild unter den Jazzharfenistinnen? Alice Coltrane, Dorothy Ashby?

Der beste Jazzharfenist, den ich kenne, das ist Corky Hale: unglaublich, was der auf seinem Instrument zustande bringt . Mitte der Neunzigerjahre, traf ich jedenfalls Antony, der damals gerade Antony & the Johnsons gegründet hatte, und begann mit ihm zu arbeiten. Eine Weile war ich Harfenistin in seiner Band, und in dieser Zeit begann ich auch, meine ersten eigenen Songs zu schreiben. Antony vermittelte mich an David Tibet von Current 93, auf dessen Durtro-Label er seine ersten Singles herausbrachte, und David ließ auch mich zwei Alben aufnehmen. Es sah alles aus, als sei ich auf dem richtigen Weg . aber dann habe ich es plötzlich nicht mehr ertragen. Ich wollte kein Künstler mehr sein. Ich zog nach Cleveland zurück, in das Haus meiner Eltern, die inzwischen pflegebedürftig waren, und begann, als Baumklettererin zu arbeiten.

Als Baumklettererin?

Ich weiß, dass es so etwas in Deutschland nicht gibt. Aber bei uns in den Staaten ist das so: Es gibt Leute, die in Häusern wohnen, und vor diesen Häusern stehen sehr große Bäume. Und wenn diese Bäume alt werden, muss man sie absägen. Weil sie so groß sind, kann man das aber nur von oben nach unten tun. Es muss also jemanden geben, der da hochklettert .

Gibt es viele transsexuelle harfende Baumklettererinnen in den USA?

Nein, ich war eine Ausnahme. Aber wissen Sie was? Als ich den ersten Tag zur Arbeit kam, da habe ich mich als Mann angezogen, weil ich dachte: Baumklettern ist ein männliches Geschäft. Ich versuchte, so männlich auszusehen wie möglich. Aber vom ersten Moment an wurde ich von den Baumkletterern als Mädchen behandelt. Es gab überhaupt keine Diskussion darüber.

Sie arbeiten inzwischen aber nicht mehr als Baumklettererin.

Nein, mir ist ein Baum auf ein Haus gefallen.

Autsch.

Ja, das war nicht schön. Dabei sah es nach einem ganz normalen Job aus. Hier Baum, da Haus. Aber als wir gerade bei der Arbeit waren, kam plötzlich so ein diabolischer Wind aus dem Nichts und warf den Baum einfach um. Rums. Auf das Haus.

War jemand im Haus?

Die ältere Dame, der das Haus gehörte. Und wissen Sie, was sie tat? Sie kam aus den Trümmern gekrabbelt, ging auf mich zu – ich saß vor dem kaputten Haus und heulte – und nahm mich in den Arm. „Dee“, hat sie gesagt, „nichts passiert ohne Grund“. Was für eine Frau! Ich werde sie nie vergessen. Meine Firma war damit jedenfalls im Eimer. Ich fuhr nach Hause und rief noch am gleichen Abend bei meinen Freunden aus dem Musikgeschäft an und fragte sie, ob sie nicht wieder einen Job für mich hätten. „Hallo! Ich will wieder Musiker sein!“ David Tibet rief bei Will Oldham alias Bonnie „Prince“ Billy an, der gerade auf Tournee mit Matt Sweeney war. Ich spielte als Opening Act bei ihrem Konzert in Cleveland, und wir verstanden uns prächtig. Seitdem arbeiten wir zusammen. Beide haben mein neues Album produziert, Matt Sweeney vermittelte mich an das Drag City Label .

… bei dem auch die andere große Harfenistin der Gegenwart unter Vertrag ist.

Ja, Joanna Newsom! Ich liebe sie! Was für eine tolle Musikerin!

Welches Verhältnis hat man als Transsexuelle eigentlich zum Drag, also zu Männern, die sich als Frauen verkleiden?

Oh, da gibt es ganz unterschiedliche Arten, sich dazu zu verhalten. Es gibt ja auch so viele verschiedene Arten, transsexuell zu sein. Grundsätzlich kann man vielleicht sagen: Es gibt homosexuelle und heterosexuelle Transen. Die heterosexuellen Transen wollen einfach ein richtiges Mädchen sein und einen richtigen Jungen kennenlernen. Die homosexuellen Transen umgeben sich lieber mit Drag Queens und Schwulen.

Wozu zählen Sie sich?

Ich bin eine heterosexuelle Transe, die am liebsten mit homosexuellen Transen rumhängt. So ein Ding dazwischen. Einerseits will ich ein richtiges Mädchen sein, aber andererseits: die Drag Queens haben einfach mehr Spaß. Die meisten Heterotransen sind so langweilig: Wenn die erstmal ihr „richtiges“ Geschlecht haben, gehen die ganz darin auf, und das war’s dann . gähn!

Als ich Sie zum ersten Mal in einem Konzert gesehen habe – im Frühjahr 2006 in der Berliner Volksbühne -, war ich am Anfang ein bisschen eingeschüchtert: Auf der Bühne haben Sie sich als grobe Person inszeniert, mit satanischem Meckern und Publikumsbedrohung; zwischen den Harfenstücken haben Sie immer wieder die Fäuste geschüttelt …

… ach, das war einer von diesen Abenden . ja, es gibt diese destruktive Seite an mir, und manchmal muss ich sie einfach ausleben. Wie auf der neuen Platte, da gibt es dieses Stück „Big Titty Bee Girl (From Dino Town)“, in dem ich beschreibe, wie ein Albino gequält wird .

„Du kannst ihm auf den Kuchen pupen / und in sein Spülbecken pinkeln / Du kannst ihm eine Wurst an den Pimmel binden / und deinen Hund auf ihn hetzen / einen guten Albino kriegst du niemals klein .“

… ein grauenhaft schwachsinniger Text, oder?

Mir gefällt er.

Es gibt Leute, die weigern sich, die Platte anzuhören, nur weil dieses Stück drauf ist.

Jedenfalls unterscheidet sich dieser destruktive Zug doch ziemlich von dem Transentum, das man von Antony gewöhnt ist.

Oh ja, Antony und ich unterscheiden uns in sehr vielen Dingen. Wissen Sie: Ich bin durch’s Feuer gegangen. Ich hab auf der Straße musiziert und in Side Shows, ich hab als Bär verkleidet an ziemlich unheimlichen Orten herumgestanden, da muss man wissen, wie man sich verteidigen kann; man wird dabei ziemlich tough. Antony ist ein ganz behüteter Kerl: Er kommt vom Kabarett, vom Theater. Er gehört absolut zu der homosexuellen Transen-Seite . Antony ist so queer, queerer gehts eigentlich gar nicht.

Trauern Sie ihrem Leben als Baumklettererin nach?

Nein. Das Problem mit dem Baumklettern ist: Je besser du wirst, desto gefährlicher werden die Jobs.

Weil man immer höher hinauf muss?

Die Höhe ist nicht das Problem, sondern die Dicke. Du musst diese riesigen Schnitte machen und weißt überhaupt nicht, wie der Baum insgesamt sich verhält . Das ist am Musikmachen eigentlich das Schönste: dass man nicht täglich sein Leben riskiert.

 

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