20 Jahre „Nevermind“

Das beste Bild für die historische Erbschaft, die uns die sogenannte Grunge-Musik hinterlassen hat, findet sich in Garth Ennis’ Ende der Neunzigerjahre erschienener Comic-Book-Serie „Preacher“. Es zeigt einen jungen Erwachsenen mit zerfetztem Gesicht, der sabbernd auf einem Sofa sitzt.

Bis er siebzehn war, hat dieser Mensch namens Hugo mit altersangemessener Inbrunst den jugendlichen Rebellen gegeben: Er sagte „Fick dich“ zu seinen Eltern und hörte den ganzen Tag lang übersteuerte Rockmusik mit schlammigen Rhythmen und provozierenden Männerselbstfindungstexten. Als der bekannteste Künstler in diesem Fach, Hugos Held Kurt Cobain von der Gruppe Nirvana, sich eines Tages mit einer Schrotflinte erschoss, übertrieb Hugo es freilich mit dem Nachahmungseifer:

Den Versuch, sich ebenfalls umzubringen, überlebte er schwer verstümmelt und mit unappetitlich fragmentierter Physiognomie. Seither lungert Hugo als hässliches Wrack auf dem heimischen Sofa herum und sucht vergeblich die Sympathie seines Vaters: eines wortkargen Polizisten, der jedes Gespräch mit ihm angewidert verweigert.
Siebzehn Jahre – so lange fault inzwischen ja auch Kurt Cobain selber in seinem Grab. Das Interesse an dem seattler Rocktropf („I Hate Myself And I Want To Die“) scheint indes ungebrochen zu sein. In Millionen von Jugendzimmern hängt sein Porträt zwischen Che Guevara und Justin Bieber, und zu jedem sich auch nur halbwegs bietenden Jahrestag werden immer neue, immer voluminösere Gedenkeditionen auf den Markt geworfen.
Legacy Super Deluxe
In dieser Woche ist es wieder soweit! Am Freitag jährt sich nämlich zum 20. Mal der Erscheinungstag der zweiten Nirvana-LP „Nevermind“, auf der sich auch die allseits beliebte Single „Smells Like Teen Spirit“ befindet. Darum gibt es, wie ich einem Informationsschreiben der Firma Universal entnehme, jetzt eine Legacy-Super-Deluxe-4-CD-Box „in diversen Formaten“ mit „unveröffentlichten Songs, seltenen Aufnahmen, B-Seiten, BBC-Radioauftritten, unveröffentlichten Mixen, seltenen Livemitschnitten und einem komplett unveröffentlichten Konzert.“ In der Premium-Deluxe-Version sind auch noch zwei Fußnägel von Cobain enthalten sowie eine original unbezahlte Heroinrechnung aus dem Jahr 1993. Und damit nicht genug! Fast stündlich erreichen die Popredaktion der Berliner Zeitung unaufgeforderte Textangebote mit Themen wie „Seattle – 20 Jahre danach“, „Nirvana – Das Erbe“, „Grunge – so tolle Musik wie damals gibt es heute ja gar nicht mehr“. Wie ich aus dem Kollegenkreis höre, werden in mindestens zwei großen Berliner Tagezeitungen für den kommenden Freitag exklusive Sonderseiten mit Erinnerungen von Musikjournalisten zur Frage „Wo waren Sie, als Sie Ihr erstes Nirvana-Konzert gesehen haben?“vorbereitet.
Jetzt fragen Sie, liebe Leser, sich vielleicht: Und was plant die Berliner Zeitung zu diesem Thema? Die Berliner Zeitung plant zu diesem Thema: nichts. Falls es irgendjemanden von Ihnen wider Erwarten interessiert, wo ich mein erstes Nirvana-Konzert gesehen habe, schicken Sie mir einen frankierten Rückumschlag, ich antworte Ihnen mit einer handschriftlichen Note.
Die Geschichte des verstümmelten Grunge-Hörers Hugo nimmt dann übrigens doch noch ein gutes Ende. Im späteren Verlauf der „Preacher“-Serie wird Hugos Vater ermordet, und der Sohn macht sich mit frischem Mut in einer Superheldenverkleidung auf die Verbrecherjagd. In der Maske des  wiederauferstandenen Post-Grunge-Rächers ist er der Welt seither nur noch als „Arsch-Man“ bekannt.

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