Baby Dee Interview (2)

Kirchenmusik, Folkrock, schwules Kabarett: das sind die Traditionen, zwischen denen sich die Musik von Baby Dee bewegt. Bekannt wurde die 57-jährige transsexuelle Pianistin, Akkordeonistin und Harfenistin als Mitglied von Antony & the Johnsons; auf ihren Soloplatten singt sie herzzerreißende Lieder über Gottvertrauen, Glaubenszweifel, sexuelle Ambivalenz und die körperlichen Vorzüge von Albinos. Morgen stellt sie  im Berghain ihr neues Album „Regifted by the Light“ vor.

Baby Dee, am gleichen Tag, an dem Sie in Berlin im Berghain auftreten, ist noch ein weiterer prominenter Gast in der Stadt: der Papst! Was denken Sie über den Papst?

Ehrlich gesagt, hab ich mich um den Papst bisher nur wenig gekümmert, wahrscheinlich etwa so viel wie der Papst sich um mich gekümmert hat. Aber ich hab dafür gesorgt, dass er im Berghain auf der Gästeliste steht. Man muss dann bloß darauf achten, dass er sich nicht verläuft und im lab.oratory endet. Das wär nicht so gut.

Sind Sie ein religiöser Mensch?

Ich bin Buddhist. In meinen Shows mache ich mich ja gern mal über Religionen lustig – aber ich meine das bestimmt nicht böse! Ohne Religionen gäbe es schließlich keine keine Mutter Theresa, keinen Malcolm X… und keine von diesen herrlichen Heiligenlegenden, die ich so mag! Meine Lieblingsgeschichte ist die von St. Blasius, der sich vor Christenfeinden  im Wald versteckte und dort dann die kranken Tiere heilte und pflegte; und weil ihm die Tiere so dankbar waren, warteten sie immer geduldig vor seiner Höhle, um ihn nicht in seinen Gebeten zu stören. Deswegen kamen ihm die Häscher dann doch auf die Spur: Sie sind einfach den Tieren hintergegangen!  Ist doch eine süße Geschichte, oder? – Aber wenn Sie wirklich meine religiösen Gefühle kennenlernen wollen, kommen Sie zur Show und hören Sie mich „Fresh Out of Candles“ singen!

In den 80ern waren Sie – nach Ihrer Zeit als harfender Bärenkostümträger – in einer New Yorker Kirche als Chorleiter und Organist angestellt. Welche Art Kirche war das?

Eine  wunderbare Kirche. In der South Bronx. Und ja, es war eine katholische Kirche.

Haben Sie bei den Gottesdiensten gespielt?

Ja, ich habe die Orgel gespielt, drei Chöre geleitet und außerdem in der kircheneigenen Grundschule Musikunterricht gegeben. Ich hatte schon immer ein Faible für gregorianische und für Renaissance-Musik, und wenn man die Orgel spielt, entwickelt man zwangsläufig eine Liebe zu Bach. Für den Schulunterricht hab ich angefangen, mich mit Gospel zu beschäftigen – und mit Santeria, einer aus Afrika kommenden, extrem nuancierten und komplizierten Art der heiligen Trommelmusik. Die Kinder waren verrückt danach und – das dürfen Sie dem Papst jetzt aber echt nicht erzählen – der Pastor auch.

Wie war es, als transsexuelle Person in einer Kirche zu arbeiten? Wie wurden Sie behandelt?

Das ist eine interessante Frage, und meine Antwort wird Sie vielleicht überraschen. Den Leiter der Kirchengemeinde damals – den habe ich wirklich geliebt! Er war klug. Er hatte Geschmack. Er besaß Taktgefühl. Es gab ein paar Dinge, die er nicht tolerierte – aber nichts davon hatte mit Sex oder Gender zu tun. Er verachtete Niedertracht in jedweder Form. Und er verachtete schlechte Musik! Das einzige, was er von mir wollte, war: dass die Kinder in seiner Schule guten Unterricht kriegten; und dass man in seiner Kirche niemals, wirklich niemals, minderwertige Musik zu hören bekam.

Wie lange haben Sie da gearbeitet?

Zehn Jahre! Und ich  hab überhaupt auch erst in dieser Zeit angefangen, mit meiner Sexualität ins Reine zu kommen. Mit  35! Ich bin bis heute baff, wie wenig ich in den ersten 35 Jahren meines Lebens von mir und meinem Körper verstanden habe. Und als ich mein Coming-Out hatte, war der erste Mensch, dem ich mich anvertraute, ein katholischer Priester. Er hat getan, was er konnte! Trotzdem war mir sofort klar, dass ich diese Verwandlung nicht als Kirchenorganistin durchmachen konnte. Ich wollte eine glamouröse Diva werden! Und Kirchenorganistinnen sind so verdammt unglamourös …

Aber das Geld für die nötige Operation haben Sie noch mit dem Kirchenorgeln verdient.

Bei Hochzeiten und Beerdigungen. Sie glauben gar nicht, wie viel Leute heiraten und sterben müssen, damit man eine ordentliche Geschlechtsoperation zusammenbekommt.

Wie haben die Leute auf Ihre neue Gestalt reagiert?

Als ich nach der OP nach Hause kam, war mein Anrufbeantworter voll mit Leuten, die für irgendeinen Anlass einen Organisten brauchten. Einen von ihnen hab ich dann zurückgerufen und gesagt: „Es gibt da etwas, das Du wissen solltest…“, woraufhin ich ihm die Lage erklärte. Aber er meinte bloß: „Die Finger haben sie Dir dran gelassen, oder?“ Also hab ich mich in meinen besten Sonntagsfummel geworfen und bin nach Spanish Harlem rauf, um den Gig zu spielen: eine nicaraguanische Hochzeit. Weder die Braut noch ihre Jungfern maßen mehr als vier Fuß, nicht mal auf den hochhackigsten Schuhen. Ich hatte mehr als sechs Fuß! Da wurde mir plötzlich klar, dass für eine Nicaraguanerin sowieso alle amerikanischen Mädels wie Monster aussehen! Als ich das kapiert hatte, hatte ich eine wirklich gute Zeit.

In der queeren Community in Berlin gibt es viel Protest gegen den Papstbesuch, weil der Mann irgendwie alle zu hassen scheint, die nicht heterosexuell sind. Wenn Sie deutsche Bundeskanzlerin wären, hätten Sie den Papst zu sich ins Parlament eingeladen?

Wenn ich Bundeskanzlerin wäre, würde ich den Papst zu mir nach Hause einladen, damit er meine Freundin kennenlernt.

Sie haben letztes Jahr bereits im Berghain gespielt. Viele, die zum ersten Mal dort sind, beschreiben die Erfahrung als „religiös“ und das Berghain als „Kathedrale“. Kam Ihnen das auch so vor?

Ehrlich gesagt, beim letzten Mal im Berghain hatte ich eine Lungenentzündung und war dermaßen krank, dass ich mich an kaum etwas erinnere. Mir kam der Club nicht wie eine Kathedrale vor, sondern wie ein Krankenhaus.

Könnte der Papst ein spirituellerer Mensch werden, wenn er das Berghain besucht?

Mit Spirituellem kenne ich mich nicht so aus, aber ich glaube schon, dass seine Persönlichkeit und sein Charakter davon profitieren könnten. Es könnte seine sozialen Fähigkeiten in einem Ausmaß verbessern, von dem der Papst wahrscheinlich nicht einmal träumt. Und wenn er zu meinem Konzert kommt, könnte er meine Lieblingsliturgien kennenlernen: „Die Liturgie vom Sich-selber-annehmen (Du bist nicht die einzige Crackhure im Laden)“; „Die Liturgie von Gottes Großem Plan (Er wird deinen dicken Hintern in der Hölle rösten)“; und die beliebteste katholische Hymne aller Zeiten: „Du sollst in Gottes Haus nicht pinkeln (außer wenn Du wirklich ganz dringend musst)“.

Das Gespräch führte Jens Balzer.
Papst: 22. 9., 18 Uhr, Olympiastadion
Baby Dee: 22. 9., 21 Uhr, Berghain

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