Screaming Females im Westgermany

Marissa Paternoster fackelt nicht lange. Keine drei Takte braucht sie nach Beginn eines Stücks, bis die knapp angeschlagenen Gitarrenriffs unter ihren Fingern plötzlich Funken sprühen und explodieren und ihr sanfter Gesang sich in gefährliches Schimpfen und Schreien verwandelt.

Und je grimmiger sie schimpft, desto glücklicher brennt die Gitarre unter ihren Fingern; bis der Bassist neben ihr eine besänftigende Melodie beginnt und die schreiende Frau sich beruhigt und ihr eben noch glücklich aufgeregtes Gerät sich auf ein kräfteschonendes Brummen besinnt.

Screaming Females heißt diese sehr gute Gruppe, die am Montag im Westgermany zu sehen war; sie kommt aus New Jersey, einem Gelände, das seine Bewohner gern als Achselhöhle Amerikas bezeichnen. Nun wurden ja schon oft in der Geschichte des Pop die tollsten Gruppen in Achselhöhlen geboren. So auch hier: Das Konzert der  Screaming Females war jedenfalls das tollste Rock-Konzert, das man sich vorstellen kann: so energisch und laut, so frei und zugleich so straff kalkuliert wie wenig anderes, was sich gegenwärtig Rockmusik nennt.

Schon die Rhythmusgruppe ist fabelhaft: Jarrett Dougherty mit seinem forschen, aber niemals zu muskulösen Schlagzeug; „King Mike“ Abbate mit seinem straffen, aber keinewegs zu beengenden Bass. Und dann aber noch und vor allem, ach herrje, diese Frau! Marissa Paternoster! Mit ihrem weißbekragten Schulmädchenkleid, den stets über den Augen hängenden schwarzen Haaren und ihrer überaus bezaubernden Stupsnase erinnert sie  an Lucy Van Pelt von den Peanuts; dazu passt, dass Paternoster gern mal am Daumen nuckelt, bevor sie  ein weiteres von ihren rasenden Soli aus dem Hals der Gitarre krault.

Wegen ihres herausragenden Hochgeschwindigkeitsspiels wurde sie von einem Gitarrenfachblatt erst kürzlich zum „shredder of the year“ ernannt. Aber Marissa Paternoster ist nicht nur die schnellste Schredderin in der Stadt, und sie vermag mit ihren flinken Fingern nicht nur gleichzeitig Rhythmen und Melodien zu spielen. Sie singt mit ihrer  je nach Bedarf explodierenden oder brummenden, aufgeregten oder nachdenklichen – aber jedenfalls: völlig lebendig gewordenen  Gitarre auch die schönsten Duette.

Wenn man dem zuhört, denkt man natürlich sofort an große singende E-Gitarristinnen wie Sylvia Juncosa oder – neuerdings – Marnie Stern. Anders als bei diesen, hat Paternosters Gitarre aber trotz allem sich aufbäumendem Kreischen und Heulen nichts Heavy-Metal-haftes an sich. Dazu scheinen noch die spritzendsten und sprühendsten Töne zu sanft konturiert; dazu schmiegen die melodischen Läufe sich zu passgenau unter ihren Gesang. Kein Solo gerät zum Selbstzweck; keine Note – und das ist bei aller vordergründigen Wildheit dieser Musik fraglos das Tollste daran – wird an selbstbezügliches Gedaddel verschwendet. Alles fügt sich in die Zwiesprache zwischen dem  Instrument und dieser erschrecklichen, erstaunlichen, begeisternden Frau, bei der man am Ende dieses aufregenden Abends  nichts lieber ist als selber der Screaming Boy.

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