The Specials in der Columbiahalle

Zu einem vom reiferen Teil der Bevölkerung mit Vorfreude und Spannung erwarteten Ereignis ist es am Dienstagabend in der Berliner Columbiahalle gekommen; hier gab die legendäre britische Ska-Gruppe The Specials das erste Deutschland-Konzert ihrer laufenden Reunion-, aber auch Abschiedstournee.

Interessant war dieser Abend nicht zuletzt unter modischen Aspekten: Ich weiß nicht, wann ich zuletzt so viele fünfzigjährige Backenbartträger in Fred-Perry-Hemden gesehen habe.
Als The Specials ihre ersten Erfolge feierten, waren diese Backenbartträger noch zwanzig. Die beiden Specials-Platten „Specials“ und „More Specials“, 1979 und 1980 auf dem bandeigenen 2-Tone-Label erschienen, zählen zweifellos zu den tollsten Platten des Postpunk: wegen der Kraft der Musik und der Klugheit der Texte,  die in grimmiger wie heiterer Weise jugendliche Renitenz in jeglicher Erscheinungsform priesen, aber auch   vor Fehlleistungen und Irrtümern warnten, so etwa (in „Too Much Too Young“) vor den gerade in Großbritannien bis heute grassierenden Teenagerschwangerschaften. Vor allem aber erfüllten The Specials das bis dahin uneingelöste Versprechen des Punk: die „weißen“ und die „schwarzen“ Jugendkulturen zu versöhnen.    Das taten sie nicht nur in der Band-Besetzung, in der weiße (Terry Hall, Jerry Dammers) und schwarze Musiker (Neville Staple, Lynval Golding) gleichberechtigt wirkten. In Songs wie „Concrete Jungle“ verbanden sie auf organischste Weise den Midtempo-Rhythmus des Reggae mit der Ruppigkeit des Punk.
Nach wenig mehr als drei Jahren brach die Band freilich auseinander. Hall, Staples und Golding gründeten die Popgruppe Fun Boy Three und lancierten unter anderem die Karriere der tollen Mädchenband Bananarama; Terry Hall spielte später bei The Colourfield und brachte 2003 mit dem muslimischen Rapper Mushtaq  die überaus hörenswerte Platte  „The Hour of Two Lights“ heraus, in der „westliche“ und „islamische“ Musikstile eine innige Synthese eingingen, ähnlich wie einst „weiße“ und „schwarze“ Sounds bei den Specials.
Von einer vergleichbaren Zeitgenossenschaft, einem rettenden Update des eigenen ästhetischen Ansatzes von einst war beim Specials-Konzert  am Dienstag allerdings nichts zu spüren. Es handelte sich um nicht weniger, aber auch nicht mehr als um einen annehmbaren Oldie-Abend, bei dem zwei Stunden lang die schönsten Hits von den ersten beiden Platten in Cover-Band-artiger Form dargeboten wurden. Von „Do the Dog“ bis „Nite Klub“ war fast alles dabei, was das Herz begehrte  (lediglich „Ghost Town“ fehlte). Aber auch wenn im Publikum direkt vor der Bühne ein wenig Bewegung entstand, fehlte der Band die nötige Energie, um eine wirklich mitreißende Skank- und Pogo-Stimmung entstehen zu lassen. Was vielleicht auch daran lag, dass mit dem – seit 30 Jahren mit der restlichen Band verfeindeten – Organisten und Songschreiber Jerry Dammers ein prägendes Original-Specials-Mitglied fehlte.
„Dawning of a New Era“ hieß einer der Titel, bei dem das Berliner Publikum aus vollem Halse mitsang. Mehr Wahrheit steckte indes in dem Song, mit dem der Hauptteil des Abends eröffnet und beschlossen wurde: „Enjoy yourself (before it’s too late)“.

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