R.E.M. haben sich aufgelöst

Die amerikanische Rock-Gruppe R.E.M. hat am Mittwoch eine der erfreulichsten Entscheidungen ihrer gesamten Karriere getroffen: Sie gab ihre Auflösung bekannt. „Wer gerne feiert, sollte auch wissen, wann man lieber nach Hause geht“, begründete R.E.M.-Sänger Michael Stipe den Vorgang auf der Internetseite der Band, www.remhq.com; und Bassist Mike Mills ergänzte in seinen eigenen Worten: „Wir hatten das Gefühl, dass der Zeitpunkt jetzt einfach der richtige ist.“ – „Wir sind immer gute Freunde gewesen, und wir treffen uns sicher auch in Zukunft mal wieder“, meinte wiederum der Gitarrist Peter Buck, der zuletzt mit einer eigenen Band namens Tired Pony – zu deutsch: müdes Pony – für entsprechende Aufmerksamkeit sorgte.
Erfreulich ist daran weniger, dass es jetzt R.E.M. nicht mehr gibt; das ist im Grunde sogar schade. Auch wenn die Band in den zurückliegenden zehn Jahren keine wirklich interessante Platte mehr herausbringen konnte und das letzte, in diesem Frühling erschienene Album „Collapse Into Now“ von geradezu betrüblicher Belanglosigkeit war, so ging man doch immer noch gerne zu ihren Konzerten und hörte sie schöne Oldies wie „Losing My Religion“, „Imitation of Life“ oder „The One I Love“ aufführen.

Erfreulich wäre vielmehr, wenn R.E.M. auch mit dieser Entscheidung – wie es ihnen im Verlauf ihrer Karriere schon so häufig gelungen ist – für Andere ein Vorbild abgäben. Denn es gibt einfach viel zu viele musikalisch und geistig erschlaffte Popkünstler der Sechziger-, Siebziger- und Achtzigerjahre, die sich aus reiner Routine, mangelhaftem Selbsteinschätzungsvermögen oder der nackten Angst vor der Bedeutungslosigkeit immer noch, ohne irgendetwas zu sagen oder zu singen zu haben, ins Tonstudio und auf die Konzertbühnen quälen. Waren Sie in den letzten Jahren einmal auf einem Depeche-Mode-Konzert? Haben Sie „SuperHeavy“ gehört, das neue Album von Mick Jagger? Genau. Wie schön wäre es doch, wenn Mick Jagger sich einfach mal sagen würde: „Wer gerne feiert, sollte auch wissen, wann man lieber nach Hause geht.“

Noch schlimmer als Gruppen, die nicht aufhören können, sind lediglich Gruppen, die sich in grundloser Weise wieder vereinen. Ob es ein Zufall war, dass Michael Stipe letzten Dienstag – also am Vorabend der Auflösung von R.E.M. – beim lahmen Berliner Reunion-Konzert der Siebzigerjahre-Ska-Gruppe The Specials im Publikum gesehen werden konnte? Er stand in der letzten Reihe und erweckte einen nachdenklichen Eindruck. Vielleicht dachte Michael Stipe sich in diesem Augenblick gerade: Verdammt, so will ich nicht enden. Ich nicht.

Schade ist es dennoch. Denn er war nicht nur ein guter Songschreiber und Sänger und trug bei den Konzerten der vergangenen Jahre stets ein fantasievolles Make-Up. Vor allem verlieren wir in Michael Stipe einen der besten Rock’n’Roll-Tänzer, die wir besaßen. Herrlich, wie er bei den ersten Deutschland-Konzerten von R.E.M. in den Achtzigerjahren mit grotesk abgewinkelten Armen und einknickenden Knien um das Mikrofon herumzuzucken verstand! Später milderte und modifizierte er diesen – zum Beispiel von Pete Doherty aufgegriffenen – Bewegungsstil zu einer Art postdramatischem Marionettentheater: Er zappelte und schwebte zugleich, als würde er an unsichtbaren Fäden über die Bühne gezogen.

Man kann also sagen, dass das Körperverhalten von Michael Stipe in den 31 Jahren mit R.E.M. männlicher und extrovertierter geriet. Die Musik seiner Band blieb hingegen wesentlich dieselbe: eine introvertierte, an allen Arten der Penismetaphorik desinteressierte Postpunk-Variante, für die man in den Achtzigerjahren nicht umsonst das Wort „College Rock“ erfand. Interessant war vor allem ihre Inszenierung von Ambivalenz: Nie wusste man, ob diese Musik gerade rast oder steht; ob man sie energisch finden soll oder schlaff; ob der oszillierende Eindruck von Michael Stipes murmelnder Stimme herrührt oder von dem solilosen Gitarrenspiel.

Darum ist die Musik von R.E.M. bis auf den heutigen Tag so faszinierend: weil man beim Zuhören nie weiß, ob man sich gerade langweilt oder auch nicht. Nach Auskunft der Plattenfirma ist eine abschließende Anthologie mit den größten Hits von R.E.M. bereits in Arbeit.

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