Sound of Rum im Comet Club

Es war ein trüber Abend. Doch bin ich erleuchtet nach Hause gegangen: und das habe ich nur Kate Tempest zu verdanken, der tollsten, atemberaubendsten, verehrungswürdigsten Rapperin, die ich seit Ewigkeiten gesehen habe. Kate Tempest rappt im kehligen Ton des typischen Londoner Grime-MCs; doch die Geschwindigkeit und die Kraft und die Energie und vor allem der Optimismus ihrer unermüdlich sich überschlagenden Verse hat im gesamten Gehege des Pop gegenwärtig nicht seinesgleichen. Sie rattert und schnattert und spuckt die Wörter nur so heraus; sie hat Rhythmus, Stil und zugleich proletarische Lässigkeit. In ihren Rap-Texten treffen sich Shakespeare und Roots Manuva, Gil Scott-Heron und die Gebrüder Grimm; sie zitiert Tragödien aus dem antiken Athen und rappt für die „chemical kids“ in den Städtten von heute. Ihr Gitarrist Archie Marsh spielt dazu offene Akkorde, die er loopt und prozessiert und im Bedarfsfall zu dramatischen Soundwällen zu verfugen versteht; ihr Schlagzeuger Ferry Lawrenson streicht aus seinem Gerät funktionale und dennoch unerhört virtuose Grooves. Als Trio nennen sie sich Sound of Rum; im Frühjahr ist ihr Debütalbum „Balance“ erschienen; am Freitag waren sie erstmals in Berlin im Comet Club zu sehen. Kaum hundert Leute hatten sich in das Konzert verirrt; aber von der ersten Sekunde an, in der Kate Tempest die Bühne betritt, drängen sich alle wie vom Donner gerührt so dicht wie möglich an sie heran – an diese Frau, die alle bestrickt mit ihrem heiteren Charme und zugleich dem heiligen Ernst, mit dem sie ihre Raps rezitiert. Am Ende weiß man kaum noch, wohin mit all der Begeisterung, dem Glück, der Liebe zu ihr. Weit über das geplante Programm hinaus, wird das Trio zu immer weiteren Zugaben genötigt; und als Kate Tempest ganz am Ende ihren kleinen Promotion-Koffer mit den CDs und Vinylsingles öffnet, recken die Hörer ihr ohne zu zögern lachend und gierig die Geldscheine entgegen. Es ist dann wie in der Kirche: Niemand geht, ohne Kate Tempest vorher noch einmal die Hand geschüttelt zu haben; und jeder, der an diesem Abend im Comet Club war, geht mit dem Gefühl, einem historischen Moment beigewohnt zu haben. Es ist zum Niederknien. In einer gerechten Welt wird aus diesem Mädchen ein ganz großer Star.

 

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