Interview zur Eröffnung des Gretchen Club

Am Sonnabend kommt es in der Kreuzberger Obentrautstraße zu einem mit Spannung erwarteten kulturellen Ereignis: Der Gretchen Club öffnet seine Tür. Ab sofort sollen hier regelmäßig Konzerte und Clubabende stattfinden. Die Eröffnungsnacht wird vom Pariser Elektrolabel Ed Banger bestritten; für den Oktober sind u.a. Zomby, Of Montreal und Radio Slave angekündigt. Ein vielfältiges, geschmackvolles Programm! Die Gretchen-Betreiber Pamela Schobeß und Lars Döring haben bisher das Icon in der Cantianstraße geführt – den letzten noch existierenden Club im kulturell ansonsten verödeten Prenzlauer Berg.

Frau Schobeß, Herr Döring, was wird das Gretchen für ein Club?
Lars Döring: Zunächst einmal wird es wesentlich größer sein als das Icon. Es wird zwei Säle geben, einen großen und einen kleinen, und in dem großen werden wir auch Konzerte veranstalten.

Und was ist das für ein Gebäude? Was war da vorher drin?
Pamela Schobeß: Die ehemaligen… Moment, ich muss mich konzentrieren… die ehemaligen preußischen Stallungen des Ersten Gardedragonerregiments Königin Victoria von Großbritannien und Irland,  erbaut 1854.

Da standen also Pferde. Bis wann?
P: Eine ganze Weile! Bis in die Zeit vorm Zweiten Weltkrieg, dann wurden die Stallungen nach und nach durch die Autoindustrie abgelöst. Auf dem Gelände sind immer noch viele Autowerkstätten. An der Ecke ist ein Bio-Supermarkt… Jedenfalls weit und breit keine Nachbarn, die sich gestört fühlen könnten.

Mit Nachbarn hatten Sie beim Icon ja zuletzt größte Probleme. Wird das Icon nun also geschlossen?
P: Das ist nicht der Plan. Wir würden auch gern beide Clubs nebeneinander betreiben. Aber die Lage des Icon ist äußerst unsicher. Die Baubehörde wollte uns ja schon im vergangenen Jahr den Betrieb verbieten, weil sich die hinzugezogenen Anwohner in den Luxuswohnungen drum herum beschwerten. Unsere Stammgäste, viele Journalisten, aber auch Politiker haben sich für uns eingesetzt; daraufhin hat die Baubehörde plötzlich herausgefunden, dass sie einen Formfehler begangen hatte, das Verbot wurde aufgehoben.

Also könnte das Icon eigentlich weitermachen.
P: Ja, aber die neuen Nachbarn sind ja immer noch da. Die stehen bei uns im Club, rufen ständig die Polizei; gerade ist eine Frau eingezogen, die fotografiert unsere Gäste vor der Tür. Mitten in der Nacht. Wann immer  wir aufhaben.

Was ich nicht verstehe: Das Icon ist doch extrem gut gedämpft. Wenn ich nachts vor dem Club stehe und drinnen wird aufgelegt, höre ich nichts. Was hören die Nachbarn denn da?
L: Oh, das Problem ist nicht der Lärm. Die Leute aus den neuen Luxuswohnungen beschweren sich nicht über Lärm, sondern darüber, dass unsere Gäste nachts auf der Straße stehen.
P: Und sie stehen jetzt natürlich öfter mal auf der Straße, weil wir ihnen im Club das Rauchen verbieten mussten.
L: Erst hat man ihnen drinnen das Rauchen verboten, jetzt wird draußen das Rumstehen verboten.

Das Publikum für Ihren Club dürfte sich inzwischen ohnehin eher in Kreuzberg befinden.
P: Das ist nicht unbedingt ausschlaggebend, wir haben sowieso wenig Laufkundschaft, weil die Leute gezielt zu unseren Veranstaltungen kommen. Aber wenn es in einem Viertel drumherum gar nichts mehr gibt, also auch keine brauchbaren Cafés und so, dann ist das natürlich ein Problem.
L: In der Gegend, in die das Gretchen jetzt zieht, ist in den letzten Jahren eine Menge entstanden. Das Horst Krzbrg ist in der Nähe, die drei Hau-Theater…
P: Wir haben zwei U-Bahn-Stationen vor der Tür, Hallesches Tor und Mehringdamm, was extrem gut ist; wir sind aus Neukölln und Kreuzberg so leicht zu erreichen wie aus Schöneberg und Charlottenburg, wohin ja immer mehr Leute inzwischen wieder ziehen.
L: Mit dem Gretchen sind wir in der Mitte der Stadt. In Prenzlauer Berg bist Du mittlerweile am äußersten Rand; alle, die abends überhaupt  ausgehen wollen, kommen von anderswo her und haben entsprechend sehr lange Wege.
Der Berliner Senat schreibt sich ja  gerne die „international bedeutende Berliner Clubkultur“ aufs Fähnchen; und das Icon ist zweifellos ein international bedeutender Club. Hat der Senat Ihnen also bei der Gretchen-Gründung geholfen?
P: Der Senat? Uns geholfen?
L: Ich versteh nicht mal den Sinn der Frage.

Na ja, er könnte bei der Suche nach einem neuen Ort helfen, bei der rechtlichen Absicherung gegen neureiche Nachbarn, der Anschubfinanzierung… Gab es nicht sogar mal eine Senats-Club-Beauftragte?
P: Nie gehört davon.

Okay, vergessen wir den Senat. Reden wir lieber über Musik. Das Icon war ja traditionellerweise ein Drum’n’Bass-Club…
L: … nee, das würde ich so gar nicht sagen. Der Sonnabend gehörte immer dem Drum’n’Bass, aber die anderen Tage, Donnerstag und Freitag, waren offener.
P: Zum Beispiel die Ninja-Tune-Nächte, die wir von Anfang an hatten, die waren immer äußerst experimentell, von HipHop über Jazz bis zu Funk und Soul.
L: Diese Offenheit wollen wir im Gretchen noch stärker pflegen; dadurch, dass wir jetzt eine Konzertbühne haben, sind wir auch freier in der Gestaltung, wir können Live-Auftritte und DJ-Sets kombinieren. Zum Beispiel am 14. Oktober, da spielen Plaid – Londoner Elektropioniere, die es schon seit den frühen 90ern gibt  – zusammen mit Cloudboat, einer jungen Band aus dem Post-Dubstep-Umfeld, und dem Folktronic-Sänger-James Yuill.
P:  Die ganze Popmusik ist ja heute so offen wie nie. Die Produzenten bedienen sich aus so vielen verschiedenen Quellen, das Publikum war noch nie so neugierig wie heute. Da ist eine ganz neue Generation herangewachsen, die keine Distinktionsgrenzen mehr kennt.

Gibt es das viel beschworene Berliner Clubsterben überhaupt? Ich habe eher das Gefühl, dass wir uns in einer  Gründerphase befinden: Horst Krzbrg, ://about blank, Kater Holzig, Prince Charles, im Berghain gleich zwei neue Clubs…
L: Ja, es passiert gerade einiges, aber die Bedingungen sind doch ganz anders als in den 90ern. Früher konnte man irgendwo reingehen und einen Club aufmachen. Heute braucht man eine Menge Geld, ein Konzept, es ist alles viel schwieriger geworden.
P:  Was man spürt, das ist so ein stärker werdender Trotz: Wir wollen die Stadt nicht den Neureichen überlassen, die hier herziehen und dann alles zerstören, bis es wieder so öde ist wie auf dem Dorf, aus dem sie kommen.
L: Wir wollen nicht, dass Berlin noch dörflicher wird. Es ist schon so viel gestorben.

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