Gottes Ananas

Der Papst war dann doch nicht gekommen. Dennoch hatte das Konzert, das Baby Dee uns am Donnerstag im Berghain schenkte, zahlreiche spirituelle Momente zu bieten. Sehr gut hat mir etwa die zum Himmel strebende Ananasfrisur gefallen, zu der sie ihr herrliches Haupthaar verflochten hatte; eine besondere Freude für den aufgeschlossenen Religionsfreund war auch der Gastauftritt des singenden Multifunktionsmythologen David Tibet, der sich vom Buddhismus über den klassischen Satanismus inzwischen zur Geheimreligion der koptischen Christen durchgearbeitet hat und im Berghain – mit Dee am Klavier – ein Lied zum Lobpreis des Buchstaben Aleph darbot.

Beide haben ja bereits vielfach miteinander in Tibets Ensemble Current 93 musiziert. Am Wochenende weilte der Bandleader vor allem anlässlich der Eröffnung seiner Ausstellung „Hallucinatory Mahdis and  Æons“ in der Stadt; noch bis zum 8. Oktober kann man im Nationalmuseum (Urbanstr. 100, Kreuzberg) Tibets schönste Gemälde aus dem Themenfeld Eschatologie und Armageddon betrachten.

Ebenfalls zum Kreis der Current-93-Mitglieder gehört die 23-jährige amerikanische Hardcore-Porno-Darstellerin Sasha Grey, die soeben  im Wilhelm-Heyne-Verlag, München, ihre Memoiren „Neü Sex“ veröffentlicht hat (192 S., 19,99 Euro). Grey hat bereits zahlreiche Preise gewonnen! Zum Beispiel den Adult-Video-News-Award 2007 für die beste Gruppensexszene (in dem Fetischporno „Fashionistas Safado – The Challenge“). Ihr Gesangsdebüt gab sie 2009 auf dem Current-93-Album „Aleph at Hallucinatory Mountain“; seither betreibt sie auch ihre eigene Industrial-Band. In dem Quartett aTelecine komponiert sie weltanschaulich verwirrende Klangcollagen nach Art der frühen Psychic TV und ihrer „Sex Magick“.

Die neue Langspielplatte von aTelecine, „The Falcon and the Pod“, ist gerade bei Dais Records erschienen. Das Brooklyner Witch-House-Label Pendu Sound  hat ergänzend dazu sämtliche Singles und EPs der Band in der Trilogie „A Cassette Tape Culture“ neu herausgebracht: eine kurzweilige Mischung aus Synthiegebrumm,  tribalistischen Beats und erregtem spirituellen Gehechel. Zwar hat Grey bereits vor einer Weile ihren Rückzug aus dem Pornogewerbe erklärt. Doch setzt sie alles daran, ihre Fans zu beruhigen: „Keine Angst“, schreibt sie auf ihrer Webseite: „Ich habe nicht zu Jesus gefunden.“

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