Michaela Meise singt geistliche Lieder

In unserer kleinen Reihe über aktuelle Themen und Trends in der christlich inspirierten Unterhaltungsmusik widmen wir uns heute – nach dem Auftritt der transsexuellen Exkirchenchorleiterin Baby Dee in der Kathedrale des Berghain,  dem eschatologisch inspirierten Industrialnoise der Expornodarstellerin Sasha Grey und dem postreligiösen Transsubstantiationspop der Leichenkleidträgerin Zola Jesus – einer Herz und Seele erquickenden Sammlung sakralen Liedguts aus sieben Jahrhunderten, die unter dem Titel „Preis dem Todesüberwinder“ von der Berliner Sängerin, Kunstprofessorin und Quetschkommodenvirtuosin Michaela Meise eingespielt worden ist.

Auf diesem bereits im Februar erschienenen Album (Clouds Hill Recordings/Cargo) finden sich ausschließlich Kompositionen aus dem katholischen Gesangbuch, von Michaela Meise neu arrangiert und zum Teil auch textlich bearbeitet; die Credits und Props auf der Platte gehen zum Beispiel an Ambrosius von Mailand, Angelus Silesius und an Friedrich Gottlieb Klopstock. Dessen plattentitelstiftenden Gottesdienstklassiker „Preis dem Todesüberwinder“ intoniert Meise im Duett mit dem Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow; dieser sei, sagte sie dazu in einem Interview, schon durch die vielen ,o’s in seinem Namen prädestiniert gewesen, sich einmal mit der Klopstock’schen Dichtkunst zu befassen.
Nach einigen kleineren Auftritten in Galerien stellte Meise das Werk am vergangenen Freitag erstmals einer größeren Öffentlichkeit vor: Im Hau-2-Theater sang sie im Rahmen des „Testing Stage“-Festivals. Und wie sie sang! Mit ihrer schönen, gleichermaßen staunenden wie gottesfürchtig standfesten Stimme intonierte sie Lieder wie „Schönster Herr Jesus“, in dem die Reinheit des Glaubens mit der Reinheit der Natur verglichen wird, oder „Morgenstern in finsterer Nacht“. Das einzige nicht aus dem Gesangbuch stammende Lied an diesem Abend war „König“, jenes nachtschwarz verletzliche Liebesflehen von Nicos letzter Platte „Camera Obscura“; und wer vorher noch nicht wusste, wie kurz der Weg zwischen Klopstock und Nico, zwischen Angelus Silesius und Velvet Underground in Wahrheit ist, den ereilte die Erkenntnis in diesem Moment wie ein Blitz aus der Hand des allmächtigen Schöpfers.

Ein tolles Konzert! Und das Tollste war, dass Michaela Meise trotz des denkbar gottesfernen Rahmens ihrer Darbietung keinerlei ironische Distanz zu ihrem Material einzunehmen versuchte, es aber andererseits auch nicht pathetisch überhöhte. Stattdessen beherrschte eine Weird- oder auch Gothic-Folk-artige Schlichtheit den Auftritt, das christliche Liedgut erschien ganz selbstverständlich als Teil einer jahrhundertealten Poptradition. Und auch die Freunde katholisch inspirierter Teufelsanbeterkulte kamen auf ihre Kosten: Aus dem schwer atmenden Schifferklavier konnte man leise den Antichristen schnaufen hören, und als Dirk von Lowtzow leibhaftig erschien, um mit Meise das  Todesüberwinder-Duett  darzubieten, lag ein leichter Schwefelgeruch an der Luft. Wie die beiden dann jedoch im Chor immer wieder den Refrain „Hallelujah! Jesus lebt!“ intonierten, das zerstreute kurzzeitig auch letzte Zweifel an der Allmacht und Gnade des Weltenbewegers. Dazu auch von dieser Stelle: ein herzliches Hallelujah!

Post to Twitter

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.