Udo, halt die Schnauze!

Zu zwei äußerst interessanten Ereignissen der populären Kultur ist es in den vergangenen beiden Tagen an den östlichen Ufern der Spree gekommen. Am Montagabend wurde im ://aboutblank, einem mir sehr sympathischen klandestinen Kulturschuppen am Markgrafendamm, mit einem musikalisch-kulinarischen Programm des 21. Jahrestags der deutschen Wiedervereinigung gedacht; am Dienstagmorgen lud einer der beliebtesten deutschen Popsänger, der auch als „König von Mallorca“ bekannte Jürgen Drews, zu einer Barkassenfahrt,  in deren Rahmen sein neues, am kommenden Freitag erscheinendes Langspielalbum „Schlagerpirat“ erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

„The Beautiful Fall – antinationaler Festakt mit Staatsbankett“ lautete das Motto des Montags im ://aboutblank; der Erlös aus den Eintrittsgeldern sollte an antinationale und antifaschistische Gruppen gehen. Das Programm begann mit einem antideutschen Abendessen, zu dem sich die Gäste an einer langen Tafel versammelten. Es wurde Apfel-Kohlrabi-Suppe, Ziegenfrischkäsestrudel auf marinierten Linsen und als Nachspeise Panna Cotta und Pflaumenragout mit Ingwer gereicht; für antideutsche Veganer gab es an Stelle des Ziegenfrischkäses im Strudel ein Tofu-Kräuter-Inlay. Lecker! Allerdings klagten einige der nach dem Staatsbankett auftretenden Künstler über ein leicht lähmendes Völlegefühl, welches sich, wie ich mal vermute, aus dem Genuss des Linsengerichts ergab.
Doch Völlegefühl hin oder her: An den  musikalischen Darbietungen des Montagabends gab es nichts zu beklagen, im Gegenteil. Insbesondere der Auftritt des Duos Phantom/Ghost erfrischte die Ohren und Herzen. Thies Mynther, der gerade noch in Frankfurt am Main einen Pornokongress organisiert hatte, spielte am weißen Flügel zärtliche Lieder; Dirk von Lowtzow sang dazu mit schönstem Morrisseyschmelz in der Stimme eigene Songs wie „Relax It’s Only A Ghost“, aber auch flügelballadeske Interpretationen klassischen Liedguts wie „You’re My Mate“ von Right Said Fred und „Go And Catch A Falling Star“ von John Donne, letzteres im Duett  mit der an dieser Stelle bereits ausgiebig bejubelten Michaela Meise. Phantom/Ghost sind toll! Sollte in dieser Zeitung jemals irgendein kritisches Wort über diese hervorragende Gruppe gestanden haben, widerrufe ich es hiermit und behaupte das Gegenteil.

Wenige Stunden später, am Dienstagmorgen, wurden die Popfeierlichkeiten an der Spree mit einem fabelhaften Frühschoppen von Jürgen Drews („Ein  Bett im Kornfeld“, „König von Mallorca“, „Ich bau dir ein Schloss“) fortgesetzt, und zwar auf einem Boot, das vom Anleger der Mehrzweckhalle am Ostbahnhof aus einmal die Spree herauf und herunter schipperte. Auch gab es etwas zu essen, nämlich Schnitzel, Dauerwürste und Schinkenbrote; antideutsche Veganer hatten also an diesem Büfett eher Pech. Bereits kurz nach Beginn der Fahrt kam es zu einer riskanten Situation, als nämlich Jürgen Drews auf Wunsch der zahlreich versammelten und hektisch vor sich hin knipsenden Fotografen das Steuerrad der Barkasse übernahm und sich sogleich, wie auch auf dem Cover seines Albums, mit weit ausgebreiteten Armen im freihändigen Barkassensteuern übte, woraufhin die Barkasse in hoher Geschwindigkeit und rechtem Winkel zum bisherigen Kurs auf die Kaimauern unterhalb des Yaam Clubs zusteuerte. Und es gab nur einen einzigen Rettungsring an Bord! Glücklicherweise gelang es dem Barkassenkapitän, die Lage durch einen beherzten Griff an das Steuerrad zu retten.

Anschließend begab sich Jürgen Drews auf das Innendeck und ließ in einem längeren Monolog einige Stationen seines bewegten Lebens Revue passieren; insbesondere freute er sich darüber, auch  in seinem biblischen Alter von 66 Jahren immer noch „Party machen“ zu dürfen. „An meinem Geburtstag“, so Drews, „trat ich mit Udo Jürgens bei der Carmen-Nebel-Show auf, und Udo sang mir ins Ohr: Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an! Woraufhin ich zu ihm sagte: Udo, halt die Schnauze.“ Anschließend sang Jürgen Drews, der zu diesem Termin übrigens in einer strassbesetzten Royal-Pimps-Jacke in Militärgrün erschienen war, zum Playback von der Barkassenanlage ein Medley seiner größten Erfolge: von „Mama Loo“, einem Titel, den er noch mit seiner ersten Gruppe Les Humphries Singers produziert hatte, über „König von Mallorca“ („Ich fand den Titel von vornherein scheiße“) bis zum  aktuellen Hit „Wenn die Wunderkerzen brennen“, an dessen Refrain er beispielhaft die  komplexen Wort- und Reimfindungsprozeduren erläuterte, die zur Entstehung einer Jürgen-Drews-Single führen. Während des Singens knöpfte sich Jürgen Drews übrigens langsam das schwarze Hemd unter der Militärjacke auf, bis am Ende der Barkassenfahrt seine beneidenswert straffe Brust vollständig zu sehen war.

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2 Gedanken zu “Udo, halt die Schnauze!

  1. Lieber Herr Balzer,
    herzlichen Dank für den Überblick über das aktuelle, popkulturelle Geschehen! Wann gibt es mal wieder eine Empfehlung im Genre Metalmusik? Muss ja nicht unbedingt eine Band der Stunde sein, aber möglichst laut und mit Gitarren wäre schön.
    Vielen Dank
    Carl

  2. Lieber Carl, danke für die Anregung, werde mich in Bälde um Abhilfe bemühen. Oder für heute schon mal: Besuchen Sie das Konzert der hervorragenden Gruppe GHOST am 24.November im Festsaal Kreuzberg. Einen optischen Eindruck können Sie sich mithilfe des Bandporträts verschaffen, das bis auf weiteres über diesem Blog angebracht wurde. Die sind gut, die Geister. Ihr B