Kuttenmode und Klingonenkunst

Maskerade, Verkleidung, Mummenschanz! Ein Fest der Verwandlung und der originellen Kostüme war  am Donnerstag im Friedrichshainer Karnevalsclub Berghain zu sehen; zum Auftakt der neuen Konzertreihe „Certain People“ traten hier diverse Vertreterinnen des Gothic-, Post-Gothic- und Hypnagothic-Pop auf und präsentierten die aktuellen Kutten- und Kapuzenmoden des Herbstes.

Zum ersten Mal in Deutschland zu sehen war die allseits gefeierte Londoner Sängerin und Produzentin Elizabeth Walling alias Gazelle Twin. Auf ihrem Debütalbum „The Entire City“ schwebt sie mit ihrer schön schillernden Stimme über dumpf knirschende Klangflöze hinweg und berichtet dabei unter anderem davon, wie es sich anfühlt, aus einem sehr langen Schlaf zu erwachen. Auf  die Bühne des Berghain kam sie in einer viktorianischen Landfrauenkutte mit tief ins Gesicht gezogener Fransenkapuze; an die Zeige- und Mittelfinger der beiden Hände hatte sie sich weiße Strahler geklemmt, mit denen sie beim Singen nun recht malerisch Lichtfiguren in die Dunkelheit fuchteln konnte. Die beiden Mitmusiker von Gazelle Twin hatten sich – es naht die Laternenzeit! – derweil geriffelte Lampions über die Gesichter gezogen und schüttelten die Lampionköpfe in hohem Tempo zu den an und für sich eher langsamen Rhythmen. Eine reizvolle Kombination!
Zu Beginn des Abends hatte das genderpolitisch engagierte texanische Trio Love Inks eher unerheblichen Niedriggeschwindigkeitspop dargeboten; später  spielten Creep aus New York eine schön mystisch auf und ab schwellende Dubstep-Variante, die man mithin auch Schwellstep nennen könnte.

Das letzte und längste Konzert des Abends gab dann die singende Konzeptkünstlerin Janine Mostron alias Planningtorock. Sie wiederum verbarg ihr Gesicht unter einer wulstigen Stirnapplikation mit einem Nasenhöcker, wodurch sie nun wie eine singende Konzeptkünstlerin vom Planeten Klingon aussah. Schon früher hat Planningtorock gern maskiert musiziert, zum Beispiel pflegte sie sich fließende Rorschachmuster auf das Gesicht zu projizieren, was ebenfalls interessant anzusehen war. Ihr Gesamteindruck litt indes lange darunter, dass ihre Musik sich  auf konzepthaft berappten und ansonsten öden Düstersynthpop beschränkte. Das änderte sich erst, als Planningtorock mit der schwedischen Sängerin Karen Dreijer-Anderson alias Fever Ray zu arbeiten begann; seither sind ihre Kompositionen deutlich interessanter und einfallsreicher arrangiert, mit pizzicatogezupften  Geigenbeats, entenhaft quakenden Oboen. Vor allem aber hat sie Abstand vom Rappen genommen!

Im Berghain bot Planningtorock die Songs aus ihrem aktuellen Album „W“ dar; ein Programm, mit dem sie bereits im Frühjahr im Vorprogramm von Animal Collective zu sehen gewesen war. Damals hatte sie das Publikum nicht zuletzt durch das Engagement einer kahlköpfigen Saxofonistin begeistert! Diesmal war sogar ein vollwertiges Bläserinnentrio mit dabei – allerdings hatten alle Bläserinnen Haare, was ich persönlich etwas enttäuschend fand. Doch egal! Denn so herzzerreißende Herbstliebeslieder wie Planningtorocks „The One“ kann keine Frisur und keine Kapuzenkette entstellen.

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