Zu Nguzunguzu ins Krzbrg

Heute zunächst wieder:  Post vom Leser.  Herr Lars Delinsky aus 13156 Berlin schreibt: „Hallo und guten Tag, in meinem Kollegen- und Bekanntenkreis freuen wir uns immer wieder auf die Konzertbesprechungen von Jens Balzer, auch wenn wir, was den Musikgeschmack angeht, nicht immer mit ihm einer Meinung sind. Aber seine bildhaften Spitzen machen Spaß, und besonders bei bekannteren Künstlern gibt es immer was zu lachen. Nicht zuletzt durch seine positiven Berichte entschloss ich mich dann vorige Woche, das Konzert von Zola Jesus im Berghain zu besuchen. Leider war selbiges dann eine mittelschwere Enttäuschung, die Musik zwar gut und durchaus ungewöhnlich und interessant, aber stimmlich doch alles andere als eine Offenbarung. Am Samstag hielt ich dann die Zeitung mit der Kritik von Jens Balzer in der Hand, und beim Frühstücken fiel mir fast das Brötchen aus dem Mund. Wo hatte er bloß die Tausende Zungen mit Tausenden Stimmen gehört??? In der ersten halben Stunde sang Zola Jesus gefühlt immer nur ein und denselben Ton, eine Art Siouxsie-Sioux-Gedächtnisgenöle. Wir haben uns am Ende des Konzerts zwar auch gefragt: ,War sie überhaupt da? Wen oder was haben wir eigentlich gesehen?‘ Zitat Jens, aber eher aufgrund der Langeweile, die auch ein Großteil des Publikums befiel, Begeisterung sieht nun wirklich anders aus. Zola Jesus konnte es eigentlich nicht gewesen sein, denn die Studioaufnahmen sprechen ja tatsächlich eine andere Sprache. Ich habe nun drei mögliche Erklärungen: 1. Jens Balzer ist unsterblich in die Dame verliebt. 2. Herr Balzer stand unter dem Einfluss bewusstseinsverändernder Substanzen. 3. Jens Balzer war gar nicht da und hat den Artikel mal so aufs Geratewohl geschrieben, schließlich waren die vorherigen Auftritte sonst immer gut. Bitte um Aufklärung!!!“

Lieber Herr Delinsky, vielen Dank für Ihren Brief.  Ihre Einschätzung der stimmlichen Qualitäten von Zola Jesus möchte ich an dieser Stelle auf gar keinen Fall kommentieren.  Was Ihre Mutmaßungsalternativen betrifft:  Zu 3: Ich kam an diesem Abend als Erster und ging als Letzter und kann dafür im Bezweifelungsfall Zeugen aufbringen. Zu 2: Daran kann ich mich nicht erinnern. Zu 1: Wo denken Sie hin. Ich könnte ihr Großvater sein.
Wenn ich in jemanden „unsterblich verliebt“ bin, dann  – fällt auch eher in meine Altersklasse – in den großen Rockgitarristen und Puschelfrisurträger Buzz Osborne, der sich von seinen Freunden huldvoll als King Buzzo anreden lässt. Am Sonntag war der König einmal wieder mit seinem Hofstaat The Melvins in Berlin zu erleben: In der brechend vollen Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz spielten sie ein hervorragendes Konzert.
King Buzzo trug ein schienbeinlanges selbstgehäkeltes Herrenkleid mit einem farbenfrohen Rentiermuster im Brustbereich; sein Bassist Jared Warren hatte sich – etwas verfrüht für die Jahreszeit, doch egal! – in ein Weihnachtsengelkostüm mitsamt güldenem Kopfband gewandet; und die beiden synchron spielenden und singenden Schlagzeugerzwillinge Dale Crover und Coady Willis trugen kecke Kurz-Togen aus dem Erotikfachhandel für Lateinlehrer. Toll! Wie auch das gesamte Konzert – das von den zirka zwei Dutzend Melvins-Konzerten, die ich in den letzten 25 Jahren gesehen habe, das Beste war; befeuert durch das sensationelle Doppelschlagzeug mit Quadrupelbasstrommel; bereichert durch alte Lieblingslieder wie „Hooch“, aber auch neu komponierte spirituelle Lärmstrecken wie ganz am Ende, als Jared Warren eine Viertelstunde lang solo mit Geräuschen aus seinem Mobiltelefon die Götter im Schnürboden anrief. Eine gute Entscheidung mithin, diese großartige Band in einem Theater auftreten zu lassen! Der Widerspruch zwischen der Sitzpflicht fürs  Auditorium und den Stage-Diving-Wünschen einzelner wurde schlichtweg dadurch gelöst, dass die Stage Diver sich auf die Köpfe der Sitzenden warfen. Sitz-Diving!
Am Wochenende war also wieder viel los auf den Konzertbühnen dieser Stadt; auch der Auftritt von Carmon Stallones alias Sun Araw am Sonnabend in der Berghain Kantine hat mir sehr gut gefallen. Nachdem der kalifornische Gitarrist im vergangenen Jahr schon einmal im Westgermany mit einer Art schwebend verhalltem Hypnagogic-Pop-Programm zu erleben war, hatte er – diesmal in  einem Trio musizierend – noch weit mehr Blei-, Beton- und Heroinhall auf seine Lieder gelegt.  Sun Araw, könnte man sagen, geht jetzt den Melvins-Weg.

Und wo gehen wir am nächsten Wochenende so hin? Ich würde sagen: zum Beispiel zu dem famosen, aus Los Angeles stammenden und etwa von der Zusammenarbeit mit M.I.A. bekannten Produzentenduo Nguzunguzu, das in der Nacht zum Sonnabend im Horst Krzbrg auftritt. Schon um auf die Frage „Wo gehen wir denn hin?“ formulieren zu können: „Zu Nguzunguzu ins Krzbrg.“ Wir sehen uns dort.

Post to Twitter

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.