Eddie van Halen und das Lied der Schlümpfe

Wängelnde Gitarren und Weichkäseklaviere! Winzige Zwerge mit Heliumsingstimmen! Vom Abendrot beflackerte Yachtrock-Harmonien mit panoramatisch aufgepimptem Hollywood-HipHop! Aber auch: alte Alarmgeräusche in giftigen Gilbfarben und billig knöternde Steinzeit-Rap-Rhythmen aus  heute schon längst hinfortgentrifizierten Problemvierteln der Siebzigerjahre! Das alles und noch viel mehr, liebe Leser, finden Sie auf der außergewöhnlich gut gelungenen Langspielplatte „Glass Swords“ von  Rustie, einem Beatbastler aus der schottischen Beat- und Problemviertelmetropole Glasgow: Es handelt sich hierbei um das lustigste und irrste, aber auch eleganteste Albumdebüt der Saison. Man kann dazu tanzen oder headbangen, die Hüften schütteln und rhythmisch mit dem Kopf vor- und zurückruckeln, aber auch einfach nur im Schneidersitz vor der Stereoanlage verharren und sich angenehm überfordert fühlen. Für alle, die sich für rhythmusbasierte elektronische Musik in all ihren Spielarten interessieren, ist hier ebenso etwas dabei wie für deren Eltern und die Eltern dieser Eltern, die dereinst, als man noch mit dem Pferdewagen zur Landschule fuhr, ihre Kinderzimmer mit elektrifizierter und effektvoll verzerrter Gitarrenmusik in schnellen Spielweisen beschallten.

Doch der Reihe nach. Rustie  heißt eigentlich Russell Whyte und ist 27 Jahre alt; seit einem halben Jahrzehnt bringt er seine Musik in den verschiedensten Formaten auf den verschiedensten Labels heraus. In seinen bisherigen Werkphasen findet sich blubbernde Unterwasserbassmusik nach Art der alten Detroit-Produzenten Drexciya ebenso wie hysterisch aufgekratzter Happy Hardcore, wie das Berliner Publikum ihn etwa von Jason Forrest kennt. Bei allen Wandlungen war Rustie indes schon immer ein Meister des maßlosen  Mash-Ups, des eklektischen Miteinandervermischens von allem möglichen. Die Tradition, in der seine Musik sich bewegt, lässt sich im weitesten Sinne dem Dubstep zuordnen. Allerdings werden die Beats bei ihm nicht gedubbt und auch nicht gebrochen, sondern mit einem gewaltigen Gummihammer auf einer elastischen Unterlage zerbeult; man könnte mithin auch von Beulenstep sprechen. Rustie selbst redet lieber von Wonky: weil er nämlich am liebsten wackelnde (wonky) Rhythmen benutzt, denn jedes gerade Zeitmaß ist ihm ein Graus.

Kein Graus ist ihm hingegen zum Beispiel die Solierkunst des Haar-Metal-Genres; gleich das Intro zum zweiten Sück „Flash Back“ klingt so, als ob sich Eddie van Halen durch einen antiken Gitarrensynthesizer ergießt. Dazu scheint ein wildgewordener Fusion-Jazz-Drummer auf seinem Gerät herumzudreschen, und es singt: der Chor der Schlümpfe. Toll! Oder nehmen wir das vierte Stück „Hover Traps“: Ein knurztrockener Funkbass, der, wie ich einem üblicherweise gut informierten Soundphilologenforum entnehme, aus der Fernsehserie „Seinfeld“ in den Mix geflossen ist, wird von alten Atari-Videospiel-Geräuschen umflackert und im Refrain von einem gewaltig sich aufplusternden Trance-Techno-Keyboard gedoppelt. Auf jeden vierten Takt wiederum macht ein Alien „autsch“!

Man glaubt das vielleicht nach meiner Beschreibung nicht. Aber zu keinem Zeitpunkt wirkt diese  Musik albern oder  ironisch; trotz der hohen Dichte pophistorischer Geschmacksverirrungen fällt Rustie niemals in jene ästhetische Haltungslosigkeit zurück, wie man sie etwa vom laufenden Softrock-Revival kennt. Was immer er auch aus den Archiven holt, alles rundet sich am Ende zu begeisternden Songs. Jeder Sound, jeder Beat, jede musikalische Technik hat  einen eigenen Platz – und damit eine Bedeutung, die weit übers Zitiertwerden reicht.

So ist Rusties Musik einerseits natürlich der Sound einer popmusikalischen Epoche, in der alles und damit auch immer viel zu viel zugleich zur musikalischen Weiterverarbeitung zur Verfügung steht; jeder nur denkbare Stil, Beat, Musikbastelbogen ist nur einen Mausklick entfernt. Andererseits und vor allem – und nur deswegen hinterlässt einen das Hören dieser Platte in so heiterer und beschwingter Verfassung – ist Rustie der eleganteste Ingenieur dieses Eklektizismus, den man sich vorstellen kann, ein unentwegt vor sich hin kichernder und doch hoch konzentrierter Verwalter der unübersehbaren Überfülle, ein Chaotarch der Retromanie. Mag sein, dass das alles übermorgen schon altbacken wirkt. Heute ist es die klügste und die aktuellste Musik,  die wir besitzen.

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