Alles außer Tick-tock-tock-tick-tock-tock-tick

Ein interessanter Einblick in die aktuellen Entwicklungen im britischen Dubstep sowie in die manchmal schwer zu kontrollierende Dialektik der popkulturellen Maskenbenutzung war in der Nacht zum Sonnabend im Kreuzberger Gretchen Club zu erhalten; hier gab der sagenumwobene Londoner Produzent Zomby ein mit Spannung erwartetes Konzert, das erste in Berlin seit der Veröffentlichung seiner aktuellen „Dedication“-LP.

Zomby verschweigt seinen bürgerlichen Namen und pflegt auch ansonsten einen Hang ins Geheimniskrämerische; seit er zirka 2007 erstmals auf der Bildfläche erschien, trägt er bei seinen Auftritten die Maske des Freiheitskämpfers und Vigilanten V aus dem kurz vorher von den Wachowski-Brüdern verfilmten Comic-Roman „V for Vendetta“. Damals eine echte Identitätsverhüllungsinnovation! Unterdessen wurde die V-Maske freilich von diversen Protestbewegungen okkupiert, unter anderem von dem Anonymous-Kollektiv aus dem Internet sowie  zuletzt und aktuell von der „Occupy“-Bewegung, die in aller Welt gegen die durch das turbokapitalistische Finanzsystem erzeugten Ungerechtigkeiten protestiert. Als Zomby in der Nacht zum Sonnabend mithin einmal wieder in seiner V-Maske vor das Publikum trat, glaubte man unwillkürlich, in eine antikapitalistische Protestveranstaltung geraten zu sein. Das war natürlich Unsinn, wie schon die schwer beklunkerte Rolex an Zombys Handgelenk bewies. Doch wer in seinem Entindividualisierungsbemühen dergestalt vom politischen Mainstream überholt wird, sollte wohl doch einmal zu einer neuen Maskierungsidee greifen. Vielleicht: Jacob Fugger? Dagobert Duck? Der goldene Mann aus dem sagenumwobenen El Dorado?

Und das war nicht das einzige Problem, das die Zomby’sche Maskenbenutzung aufwarf; auch in punkto Praktikabilität ist sie zu optimieren. Eine Maske ohne Mundöffnung ist für den DJ nämlich ausgesprochen behindernd, wenn er beim Knöpfchendrehen gerne auch was raucht und was trinkt! Da Zomby im Verlauf seines knapp anderthalbstündigen Auftritts diverse Zigaretten und eine ganze Flasche faßgereiften Hennessy Cognacs eliminierte, war er unaufhörlich mit dem Herauf- und Herunterschieben der Maske beschäftigt; hin und wieder hätte er eine vierte Hand gut gebrauchen können. Was die Frage aufwarf: Wieso haben die Anonymous- und Occupy-Intiativen bisher eigentlich keine V-Masken mit beweglicher Kiefer-Applikation hervorgebracht? Eine echte Marktlücke! Gerade wenn man etwas zu sagen hat.

Nun zur Musik. Auf „Dedication“ brilliert Zomby mit düster umflorten Beatbasteleien; hochgepitchte Kinderstimmen klagen von ferne im Wind; Schnipp-Schnapp-Scherengeräusche klappern über brummenden Bässen davon. In dieser Woche ist gerade noch eine neue EP namens „Nothing“ von ihm herausgekommen; hier ist die Tonlage erheblich heiterer und euphorischer. Bei seinem Aufritt im Gretchen schwankte Zomby in nicht immer ganz nachvollziehbarer Weise zwischen schwer verschleppten Dub-Rhythmen und plötzlich ausbrechenden Hochgeschwindigkeits-Drum’n’Bass-Passagen; während er sich am Anfang vor allem aus seinem eigenen, rhythmisch und klanglich zum Teil hoch komplexen Material bediente (unter anderem aus „Witch Hunt“, dem fabelhaften Intro zur „Dedication“-LP), wurden zum Ende des Sets auch allerlei leichter tanzbare HipHop- und Grime-Tracks in den Mix geworfen.

Soll das nun Musik zum Tanzen oder Musik zum Zuhören sein? Diese Frage stellt sich bei Zomby immer wieder. Einerseits sind seine Kompositionen wie Club-Tracks gebaut, sie entwickeln sich eher repetitiv, als dass sie einer traditionellen Song-Struktur folgen. Andererseits legt der Künstler großen Wert auf bewegungsfeindliche Beats: „Manchmal zerbreche ich ein Stück in Sechzehntelrhythmen und mische 30 Sekunden später was im Dreiachtel dazu“, sagte er im Sommer in einem seiner selten gewährten Interviews gegenüber der Fachzeitschrift Wire: „Man braucht eben ein bisschen Geduld, um meine Metrik zu verstehen, das geht nicht so Tick-tock-tock-tick-tock-tock-tick“.
Was ihn ja mit gleichaltrigen Beatbastlern wie dem in dieser Zeitung erst kürzlich gepriesenen Rustie verbindet; doch während dieser seine Beats zu verbeulen und wacklig (wonky) aneinanderzubasteln pflegt, lässt Zomby die Metrik noch weiter zerfallen, bis auch alle sonstigen Elemente zusammenhanglos nebeneinander stehen. Man könnte seine Musik mithin Ohne-Zusammenhang-Step nennen. Bei seinem Auftritt im Gretchen wurde diese ästhetische Haltung adäquat umgesetzt. Je länger er dauerte, desto zusammenhangloser wurde er auch, was aber nicht nur am Konzept, sondern auch an der Menge des in Zomby verschwundenen Cognacs gelegen haben könnte

Vielleicht lässt es sich folgendermaßen formulieren: Der Abend begann als Konzert und endete als DJ-Set.  Was nicht nur in ästhetischer Hinsicht von Bedeutung sein könnte: Konzerte werden – darauf haben die Berliner Finanzbehörden gerade in Form umfangreicher Nachforderungen wieder aufmerksam gemacht – mit sieben Prozent Umsatzsteuer belastet, DJ-Sets hingegen mit 19 Prozent, was erklärt, warum es Leute gab, die um vier Uhr am Samstagmorgen in den hinteren Reihen des Gretchen Clubs herumstanden und riefen: „Ab jetzt sind es neunzehn.“ Andererseits wurde der Künstler am Schluss mit einer Mischung aus Applaus und Buhrufen entlassen, ganz so, als habe man gerade der Aufführung einer großen und kontroversen und vielleicht vom Publikum noch nicht so ganz verstandenen Oper beigewohnt.

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