Mehr Steuern für Westernhagen!

Sind Konzerte, die in Clubs veranstaltet werden, Clubveranstaltungen oder Konzerte? Über diese Frage zerbrechen sich – wir berichteten – die Berliner Finanzbeamten derzeit ebenso den Kopf wie die Berliner Clubbetreiber. Denn auf Konzerte sind sieben Prozent Umsatzsteuer fällig, auf Clubveranstaltungen hingegen 19 Prozent, weswegen diverse Clubs sich mit Steuernachforderungen konfrontiert sehen. Nach Ansicht des Finanzamts ist ein Konzert nämlich nur dann ein Konzert, wenn das Publikum seine Aufmerksamkeit frontal auf den Künstler richtet, mit anderen Worten: wenn die Leute beim Hören nach vorne gucken. Bei investigativen Studien im Nachtleben haben die Beamten herausgefunden, dass dies im Berghain, Watergate oder Weekend keineswegs immer so ist. Die Leute gucken, wohin sie wollen! Darum: 19 Prozent.

Was bedeutet das für die Clubs? Zusätzlich zu den Türstehern und Tresenkräften sollten sie spezielle Frontalwarte einstellen, welche die Blickrichtung des Publikums überprüfen und korrigieren. Anders gesagt: Wer nicht nach vorn guckt, fliegt wieder raus. Alternativ könnte man neben den DJs noch Nackttänzer, Nacktmulle oder andere optische Attraktionen installieren, dann ergibt sich das Nach-vorn-Gucken ganz zwanglos von selber. Der Behörde würde ich wiederum zu bedenken geben, dass man popmusikalische Darbietungen nicht nur in Clubs daraufhin überprüfen kann, ob es sich bei ihnen um Konzerte im Sinn des Gesetzgebers handelt. Um ein Beispiel zu nennen: Bei dem letzten Marius-Müller-Westernhagen-Auftritt in der Mehrzweckhalle am Ostbahnhof schienen mir die Hörer mehrheitlich doch vor allem damit befasst, sich in Kleingruppen im Kreis aufzustellen und einander dann beim Zuprosten mit Plastikbierbechern mit Hilfe fotofähiger Mobiltelefone zu fotografieren. Nach vorne geguckt wurde an diesem Abend eigentlich nur ausnahmsweise, also würde ich sagen: Westernhagen-Auftritte: 19 Prozent!

Aber nicht nur schrullige Steuerbeamte, auch neureiche Nachbarn, intrigante Investoren und beklagenswert beknackte Bebauungspläne machen der Berliner Clubkultur das Leben schwer. Was tun? Und was besser nicht? Müssen wir zum Raven demnächst nach Marzahn, weil es an der Spree nur noch Zweitwohnungskomplexe für Konzernerben gibt? Was und wem hilft in diesem Zusammenhang das von der schwarz-roten Koalition erwogene „Musikboard“? Solche und andere Fragen werden am Freitag, dem 4.11., beim „all2gethernow-Camp“ im Kater Holzig besprochen. Clubbetreiber und Senatspolitiker unterrichten einander über ihre Sorgen und Wünsche, es moderiert: der bescheidene Verfasser dieser Kolumne. Eine interessante Veranstaltung, die Sie nicht verpassen sollten! Beginn ist um 15 Uhr. (Das gesamte Programm des „Camps“ finden Sie unter www.all2gethernow.de.)

Beim Kater Holzig handelt es sich ja – die Älteren unter Ihnen werden sich noch erinnern – um den Nachfolgeclub der Bar 25; und wenn es eine kulturelle Hervorbringung dieses legendären Veranstaltungsorts gibt, die uns bis heute begeistert, dann handelt es sich um das einst dort beheimatete Avantgarde-Rock-Ensemble Bonaparte. Nach dem überwältigenden internationalen Erfolg ihrer letzten LP „My Horse Likes You“ haben Bonaparte nun einen faszinierenden Konzertfilm in Technicolor namens „0110111“ herausgebracht. Am Montag, dem 31. Oktober, erlebt er im Babylon Kino seine festliche Premiere. Und das Tollste ist: Für diesen Abend verlost die Popredaktion der Berliner Zeitung 1×3, 1×2 und 2×1 Karten. Rufen Sie an! Heute, am Mittwoch, um 18.30 Uhr unter der Telefonnummer 030/23 27 56 19, und beantworten Sie folgende Frage: Unter welchem Namen ist der 31. Oktober auch noch bekannt?

a) Revolutionstag
b) Rotationstag
c) Reformationstag

Die ersten vier Anrufer erhalten die noch erhältlichen Karten in von Anruf zu Anruf absteigender Anzahl. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Viel Glück!

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