Wer bin ich? Und wie lange noch?

Es wurden viele Perücken getragen an diesem Abend, im Publikum wie auf der Bühne: Es handelte sich um die Perücken der herbstlichen Melancholie. Jetzt, wo das Laub fällt und die letzten schönen Blumen schnöde verwesen, fragen viele Menschen sich ja: Wer bin ich? Und wie lange noch? Könnte ich nicht auch mal jemand anders sein? Habe ich so gelebt, wie ich es wirklich wollte? Oder sollte ich nicht vor meinem Tod beispielsweise noch eine Geschlechtsumwandlung vornehmen lassen?

Das waren jedenfalls die Fragen, mit denen sich Billie Ray Martin am Mittwochabend in der Berghain Kantine befasste; dort gab die allseits beliebte House- und Soulsängerin das erste Berlin-Konzert in ihrem neuen Duo The Opiates. Auf die Bühne kam sie in einem blauen Kleid und mit einer wallenden schwarzen Perücke. Zuhörer, die ebenfalls Perücken trugen, wurden zur Präsentation derselben in die erste Reihe gebeten; später, als Martin selbst schon wieder ihren natürlichen Kurzhaarschnitt enthüllt hatte, sah man auf der Wand hinter ihr Filmausschnitte mit berühmten betrübten oder auch paranoiden Perückenträgern, zum Beispiel Roman Polanski in „Der Mieter“.

Ihre Karriere hat Billie Ray Martin in den Achtzigerjahren bei dem Deep-House-Ensemble S’Express begonnen; später sang sie bei den aus Manchester stammenden Electribe 101; als Solokünstlerin gelang ihr 1995 mit dem gleichsam melancholisch gefärbten wie soulhaft hymnischen „Your Loving Arms“ sogar ein Nummer-1-Hit. Doch hat sie sich jenseits des Dancefloor-Mainstreams stets auch mit der Aneignung älterer Industrial-Traditionen befasst: Mit DJ Spooky produzierte sie 1993 eine Art roboterisierte Version des Throbbing-Gristle-Klassikers „Persuasion“; auf zwei LPs namens „The Crackdown Project“ variierte sie 2009 die Musik des Industrial-Duos Cabaret Voltaire.

In den besten Momenten haben bei Billie Ray Martin stets Soul und Industrial, stimmliche Wärme und kalte Maschinenmusik zueinander gefunden. Das ist auch bei The Opiates so: Zu sparsamen, mal Dubstep-haft gebrochenen, mal Giorgio-Moroder-artig pluckernden Beats (die der norwegische Produzent Robert Solheim programmiert hat) singt Martin mit voller Stimme melancholische Melodien.

Natürlich legt das den Vergleich mit klassischen Elektropop-Duos nahe; doch anders als etwa bei Yazoo, findet der Gesang in den Synthie-Sounds hier kein harmonisches Bett. Alles Liedhafte wird der elektronischen Musik eher aufgeprägt, als dass es sich aus ihr ergäbe: So schwingt in der Musik von The Opiates – bei aller Wärme, die Martins Stimme ausstrahlt – immer ein Sound der Entfremdung mit. Das ist gut! Denn auch in den Texten geht es um Entfremdungsgefühle – insbesondere, was das Gefangensein im naturgegebenen Körper betrifft –, und um Chancen, aber auch Risiken des Identitätswechsels: Wer sind wir? Was sollen wir tun? Was dürfen wir wünschen? Warum wollen wir eigentlich unbedingt anders leben als unsere Eltern?

In ihrem schönsten Stück, „Rainy Days and Saturdays“, versetzt Martin sich in die Rolle von Candy Darling, des Lieblingstravestiten von Warhol: An einem regnerischen Herbsttag kurz vor einer Geschlechtsumwandlung träumt er sich in eine glückliche Ehe in einem aufgeräumten Vorort hinein; und dazu zeigt Martin so liebliche Bilder von gemütlichen Giebelhäusern, dass man aus dem Berghain sofort in ein brandenburgisches Kleinbürgeridyll fliehen möchte. Aber ach, auch das ist ja ein Traum, der meistens nicht hält, was er verspricht.

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