Desolation Wuff

Zu einem von geschmacklich aufgeschlossenen Musikfreunden mit Spannung erwarteten Ereignis ist es am Samstagabend in der Berliner Mehrzweckhalle am Ostbahnhof gekommen: Hier trafen sich der ehemalige Dire-Straits-Gitarrist Mark Knopfler und der berühmteste Rock- und Folk-Interpret aller Zeiten, Bob Dylan, zu einem Doppelkonzert.
Es ist ihre erste gemeinsame Tournee, dabei haben die beiden seit über 30 Jahren verschiedentlich miteinander musiziert. 1979, kurz nachdem das erste Dire-Straits-Album „Dire Straits“ erschienen war, lud Dylan Knopfler zur Mitarbeit an „Slow Train Coming“ ein  – der ersten Platte, die er nach seiner Konversion vom jüdischen Glauben zum „wiedergeborenen Christen“ aufnahm, ein Gesinnungswandel, der bei vielen seiner früheren Freunde auf eher ratlose Reaktionen stieß, zumal Dylan begann, die  folgenden Konzerte durch ausgiebige Predigten zwischen den Liedern zu längen. Diese Phase dauerte bis etwa 1983 und wurde dann mit der LP „Infidels“ („Ungläubige“) abgeschlossen,  auf der wiederum, zum zweiten und bisher letzten Mal, auch Mark Knopfler zu hören war: als Gitarrist und  Produzent.

Ob in der Gesamtbetrachtung der Dylan’schen Biografie nun die Phase des Predigertums oder die musikalische Zusammenarbeit mit Knopfler die schlimmere Geschmacksverirrung darstellt: darüber streiten die Dylanologen bis heute. Warum Knopfler? – diese Frage ist jedenfalls bis heute unbeantwortet geblieben. Und auch während des knapp anderthalbstündigen Auftritts, mit dem Knopfler den Samstagabend in Berlin eröffnete, blieb ungelöst, was Dylan an seiner Musik bloß findet: an diesem weichlichen Herumgedaddel auf sehr teuren Gitarren mit viel zu viel Hall und viel zu wenig musikalischen Ideen; eine Musik, die auch dadurch nicht besser wird, dass Knopfler sie in seinem jüngeren Solo-Schaffen – so auch im Konzert – mit irischen und schottischen Folk-Elementen, mit Scheunenbodenfiedel und Dudelsack garniert.
Besonders die neueren Stücke an diesem Abend klangen mit ihrem Geigengeschluchze und der wie über ferne grüne Hügel her hallenden Flöte, als habe Knopfler sie direkt für die Deostick- oder Flaschenbierwerbung designt: friesisch herb! Unentwegt zitieren seine Songs  historische Stile, vom amerikanischen Blues bis zum britischen Folk – aber sie haben keine Geschichte; es gibt kein Risiko, keinen Wagemut, keine Leidenschaft, kein Begehren. Seit den Achtzigerjahren pflegt Knopfler den immer noch gleichen Yuppie-Blues-Klang für den musikalisch desinteressierten HiFi-Fetischisten, eine Musik, mit der man auch einen FDP-Parteitag vertonen könnte.

Das ist bei Bob Dylan natürlich nicht der Fall: Bei ihm ist alles historisch – aber eben nicht historistisch. Im direkten Kontrast zu Knopflers vollversiegelten Soundoberflächen wirkte seine Musik im Konzert noch offener und rauher, noch wandlungsfähiger und am stetigen Wandel interessierter.   Und das bis in die Details der Performance hinein: Wo Knopfler seine Stücke vom ersten Takt an mit reibungsloser Perfektion heruntergniedelte, spielte sich die Dylan-Band vor jedem Song auf dunkler Bühne gegenseitig die kommenden Leitmotive vor, um aus der anfänglichen musikalischen Unordnung umso dramatischer zueinander zu finden.

Bei den vier ersten Stücken des Dylan-Auftritts durfte Knopfler als zweiter Leadgitarrist auf der Bühne stehen, doch gegen das schroff zerklüftete Spiel Charlie Sextons wirkte sein gelackter Ton noch inhaltsleerer als zuvor. Die „Warum Knopfler?“-Frage blieb also auch hier unbeantwortet, zumal Dylan keinerlei Songs aus dem gemeinsamen Schaffen auf die Setlist genommen hatte – und das, obwohl er auf früheren Touren durchaus auf „Slow Train Coming“ zurückgekommen ist. Nur einmal, vor ein paar Tagen in Oberhausen, sollen die beiden „Blind Willie McTell“ gegeben haben, eine Apokryphe aus der „Infidels“-Platte.

In Berlin hingegen durfte Knopfler beispielsweise bei „Leopard-Skin Pill-Box Hat“ oder „It’s All Over Now, Baby Blue“ assistieren; gelegentlich versuchte er, durch ein paar extra pointierte Synkopen von hinten auf sich aufmerksam zu machen, doch vergeblich. Nach dem vierten Stück verschwand er von der Bühne, ohne dass ihn jemand vermisste – abgesehen von den tausenden Knopfler-Fans, die nun langsam, aber stetig aus der Halle zu strömen begannen; die meisten gingen, als Dylan nach etwa einer Dreiviertelstunde „Desolation Row“ mit seiner heiseren Kettenhundstimme ins Mikro zu bellen begann – „he’s going to the carnival wuff / on desolation wuff“ – und seine Orgel dazu fiepen ließ wie einen kaputten Leierkasten. Bei „Highway 61 Revisited“ wurde den Dylan-Fans erlaubt, aufzustehen und nach vorne zur Bühne zu drängen, so dass es zu zahlreichen Zusammenstößen mit den in entgegengesetzter Richtung fliehenden Knopfler-Freunden kam.

Es handelte sich um das tollste Dylan-Konzert, das man sich vorstellen kann; auch die promovierten Dylanologen um mich herum weinten vor Glück. Es gab – mit „The Lonesome Death of Hattie Carroll“ – den „politischen“ Dylan zu hören, den zuletzt ja viele vermisst haben wollen; und zu „Ballad Of A Thin Man“ tanzte er den sehnlich erwarteten Dylan-Tanz – das heißt, er stakste mit abgewinkelten Beinen wie ein Storch in der Au oder  als ob er die nach einem Langstreckenflug empfohlenen Antithromboseübungen vollzog.

Seine Band verwandelte unterdes noch die abgetanztesten Sechzigerjahre-Kamellen in  mitreißend gegenwärtige Rocknummern: „All Along the Watchtower“ – laut offizieller Dylan-Statistik an diesem Abend von ihm zum 1991. Mal aufgeführt – geriet unter der forschen Führung von  Charlie Sexton zu einer veritablen Punk-Nummer; am Schluss spielte er die sich aufschaukelnden Läufe so hornissenhaft dissonant schwirrend, als ob sich hier gerade die Dead Kennedys oder die Stooges zur Dylan-Interpretation träfen.
Wie ein Haufen junger  Wilder stürmten Dylan und die Band immer weiter voran, bis sie  im Finale – „Like A Rolling Stone“ – endgültig dort  ankamen, wo jemand wie Mark Knopfler noch niemals gewesen ist: im Offenen, in der Unabgeschlossenheit der Geschichte. No direction home.

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