Und woran denken Sie, liebe Leser, gemeinhin, wenn Sie an solch einem sonnigen Herbsttag durch das Brandenburger Tor auf den Pariser Platz schlendern? Denken Sie an Klaus Kinski? An Boris Karloff? Oder an Nosferatu? Drängt Sie beim Anblick der Quadriga urplötzlich das unbestimmte Gefühl, sich Beine und Titten abschneiden zu wollen? Nein? Mich auch nicht. Aber wir alle sind ja auch nicht Lou Reed. Lou Reed wird es immer recht „blutig“ zumute, sobald er die Berliner Mitte betritt: „Things got pretty gory as I / Crossed to the Brandenburg Gate“, wie er im Eröffnungsstück seiner neuen Doppel-LP „Lulu“ verkündet. Genüsslich überlässt er sich darin zunächst diversen kulturgeschichtlichen Assoziationen („Kinski, Karloff, Doctor Moreau“), dann beginnt ihm über seinen autodestruktiven Fantasien („cut my legs and tits off“) ganz grässlich der Magen zu knurren. Doch im Restaurant um die Ecke ist der Koch mal wieder betrunken („absynthe“!), und die Nutten wurden auf die Größe von Nachtischtellern geschrumpft. Ja, so verrückt ist es, unser Berlin.
„Lulu“ besteht aus zehn vier- bis zwanzigminütigen Songs, die Lou Reed im Zuge der Zusammenarbeit mit dem Theaterregisseur Robert Wilson eingefallen sind; mit diesem hat er im vergangenen Frühjahr das gleichnamige Stück von Frank Wedekind am Deutschen Theater herausgebracht. Doch lediglich „Brandenburg Gate“ war schon – in einer mitsummfreudigeren Variante – bei der Wilson-Aufführung zu hören, der Rest der Songs entstand erst im Nachherein. Lou Reed jedenfalls ist mit dem Ergebnis zufrieden: „Diese Platte ist zweifelsohne das Beste, was jemals von irgendjemandem aufgenommen wurde“, erläuterte er bereits vor der Veröffentlichung; und man muss ihm in dieser Einschätzung immerhin insoweit zustimmen, als dass „Lulu“ bei Weitem nicht so scheußlich geworden ist, wie es zu befürchten stand.
Und das, obwohl Reed dieses Werk einerseits mit der künstlerisch schon seit Jahrzehnten erschlafften kalifornischen Bums-Metal-Kapelle Metallica eingespielt hat und andererseits von dem berüchtigten Klangglattbügler und Gefahrlose-Unterhaltung-für-die-ganze-Familie-Großwesir Hal Willner produzieren ließ. Letzterer war auch schon für die orchesterbegleitete Bühnenversion von Reeds legendärer „Berlin“-Platte verantwortlich, mit der dieser vor vier Jahren im Tempodrom zu sehen war: mit einem Schulmädchenchor in blau-weißen Kostümen, einer wie am Spieß schreienden Soulsängerin und einem unentwegt sinnlos vor sich hinhupenden Bläserquartett – einer der scheußlichsten Konzertabende, denen ich jemals beiwohnen musste. Noch scheußlicher war nur Reeds 2003 wiederum mit Robert Wilson entwickeltes „POEtry“-Projekt, in dem er entweder pseudoshakespeareanisch geflüsterte Poe-Rezitationen mit gotischen Geräuschhintergründen verband oder aber zu Siebzigerjahre-Schweinerockstücken so sang, als sei er an einem unerfreulichen Morgen im Körper Joe Cockers erwacht.
Man musste also das Schlimmste befürchten – aber mitnichten! „Lulu“ ist eine sehr gute Lou-Reed-Platte geworden, ich möchte fast sagen: die beste seit „Ecstasy“, also seit mehr als einem Jahrzehnt. Zu keinem Zeitpunkt wird hier mit prätentiöser Hochkulturhuberei herumgenervt, vielmehr nuschelt und quengelt sich Reed mit seiner im Alter immer noch schmutziger werdenden Sau-Opa-Stimme durch einen bunten Strauß sexueller Aberrationsfantasien, es wird onaniert, kopuliert, erbrochen, erniedrigt – und zwar sowohl sich selbst als auch andere – sowie ausgiebig mit allen möglichen vielstimmigst an die Bewusstseinsoberfläche drängenden Dämonen gekämpft, während die Band sich dazu in schweren Riff-Schleifen verfängt und also den enervierend sich und andere quälenden Rezitationsduktus von Reed – „I cry icicles in my stein“ – in einem mindestens ebenso enervierenden Minimal-Quengel-Metal verdoppelt und überhöht.
Insofern steht „Lulu“ ganz in der Tradition ebenso genialer wie grundweg ungenießbarer Lou-Reed-Meisterwerke wie „Metal Machine Music“, jener Doppel-LP, die er 1975 aus mit einem Vierspurgerät aufgenommenen Gitarrenrückkopplungen zusammenstellte und nach eigener Auskunft danach nie wieder angehört hat – bis er sie vor knapp zehn Jahren und wiederum in Berlin mit dem Avantgarde-Ensemble Zeitkratzer in sinfonischer Form auf die Bühne des Festspielhauses brachte.
Apropos Avantgarde: Manchmal fragt man sich beim Hören dieser Platte, was daraus hätte werden können, hätte Lou Reed sie nicht mit Metallica aufgenommen, sondern mit einer tolleren, unverkalkteren, risikofreudigeren oder doch wenigstens interessanteren Metal-Band. Stellen wir uns vor: Lou Reed und Meshuggah! Lou Reed und Killl! Lou Reed und Sunn0)))! Lou Reed und irgendwer, der das „Heavy“ in „Heavy Metal“ nicht in Metallica-typisch paläolithischer Weise bloß als möglichst voluminös heruntergerupfte Akkordfolge begreift, sondern als technisch offenes Experiment in der Unterwerfung des Hörers. Wäre das nicht toll? Ja,vielleicht wäre das toll. Vielleicht wäre aus dem doppelten Avantgardismus aber doch wieder nur, wie bei Reed zuletzt viel zu häufig, auf die steuerlich subventionierten Staatstheaterbühnen schielender Hochkulturmurks geworden. Mit den kraftvoll auf der Stelle tretenden Riff-Runterbratzern ist ihm jedoch die kraftvollste Auf-der-Stelle-tret-Platte gelungen, die man sich vorstellen kann, ein sadomasochistisches Hörerlebnis, das in der epochalen Sadomasodiskografie dieses Mannes dereinst einen herausragenden Platz einnehmen wird.
Bin noch am verdauen!