Wo ist das dritte ,B‘ geblieben?

Junge Leute, die sich zum gemeinschaftlichen Musikmachen entschließen, standen zu allen Zeiten ja schon vor der Frage: Wie sollen wir uns als Band eigentlich nennen? Hier lassen sich im Verlauf der Popgeschichte verschiedene Paradigmenwechsel beobachten, von den Gruppenbezeichnungen der Hippie-Ära, die im Sinne des utopischen Vorscheins der Gleichberechtigung aller Menschen jedes einzelne musizierende Mitglied namentlich erfassten, dies aber zugleich mit einer gewissen Überlänge erkauften (Crosby, Stills, Nash & Young, Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich oder aus Deutschland Okko, Lonzo, Berry, Chris und Timpe), bis hin zu den kalkuliert entindividualisierten, minimalistisch verknappten Bandnamen der Postpunk-Zeit wie etwa X (aus L. A.) oder A (aus UK). In den Neunziger- und Nullerjahren ging der Trend wieder zu sehr langen Namen: man denke an Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs oder – aus dem englischsprachigen Ausland – Clap Your Hands Say Yeah, And You Will Know Us By The Trail Of Dead, Someone Still Loves You Boris Yeltsin sowie I Love You But I’ve Chosen Darkness. In der jüngsten Vergangenheit hat sich nun wiederum – auch das hat vermutlich mit der Krise des Kapitalismus zu tun – ein Hang zur abkürzungshaften Verknappung und insbesondere zum Vokalverzicht durchgesetzt. So heißen die heißesten Bands der letzten Saisons etwa NRFB, MSTKRFT, SBTRKT, MGMT, NKOTBSB oder – unter Hinzunahme der insbesondere im Witch-House-Genre typischen typografischen Sonderzeichen – oOoOO, GR†LLGR†LL, †‡†, ▼❑■❑■❑■, ///▲▲▲\\\ oder ▲.

Was soll das nun alles bedeuten? Bei NRFB handelt es sich beispielsweise um die Abkürzung für Nuclear Raped Fuck Bomb, zu deutsch: nuklear vergewaltigte Fickbombe, ein Projektname, hinter dem sich prominente Hamburger Kulturschaffende wie der ehemalige Blumen-am-Arsch-der-Hölle-, Oma-Hans- und Dackelblut-Sänger Jens Rachut und der Bestsellerautor Heinz Strunk („Fleisch ist mein Gemüse“) verbergen. Strunk, der kürzlich bei einem Konzert der elektroakustischen Avantgardisten von Scooter sein Bühnendebüt als Blockflötist gab, ist demnächst auch in Berlin im Deutschen Theater zu erleben, und zwar als Schauspieler in dem von ihm mitverfassten Stück „Fahr zur Hölle, Ingo Sachs“ (Freitag, 18., und Sonnabend, 19. November, jeweils um 19.30 Uhr). Die Abkürzung NKOTBSB ist hingegen durch die Fusion der Gruppen New Kids on the Block und Backstreet Boys entstanden: Diese Legenden der Neunzigerjahre-Boygroup-Kultur haben sich zur Begeisterung ihrer verbliebenen Fans für eine Platte und eine Tournee zusammengefunden! In Berlin sind sie am Montag, dem 7. Mai 2012, in der Mehrzweckhalle am Ostbahnhof zu sehen. Vielleicht kann bis dahin auch geklärt werden, was aus dem verschwundenen dritten ,B‘ wurde, denn eigentlich müsste es ja statt NKOTBSB NKOTBBSB heißen, es sei denn, man übersetzt den Namen als New Kids on the Backstreet Boys bzw. New Kids on the Blockstreet Boys, was in beiden Fällen nur bedingt Sinn ergibt. Bereits am Montag, dem 1. Dezember, kann man den hervorragenden Londoner Dubstepproduzenten SBTRKT im ADS bewundern; Ersteres wird nach Angaben des Künstlers „Subtract“ ausgesprochen, Letzteres ist der Name des Clubs und bedeutet „An Der Schillingbrücke“.

Soll man sich in der gegenwärtigen Lage nun also für einen sehr kurzen oder einen sehr langen, einen sehr konkreten oder einen sehr abstrakten Namen entscheiden? Bei der Wahl ihres nächsten Plattentitels ist der Berliner Postdiskurspopgruppe Die Türen eine interessante Synthese zwischen diesen nur scheinbar unüberwindlichen Gegensätzen gelungen: Ihr kommendes, im Februar 2012 erscheinendes Album trägt den Titel „ABCDEFGHIJKLMNOPQRSTUVWXYZ“.

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