Komm mit in meinen Brummraum

Milli Vanilli und Immanuel Kant, Simon und Garfunkel, Free Jazz und Throbbing Gristle: Zu einer kurzweiligen Zusammenführung kultureller Traditionen, die ansonsten und zumeist auch zu Recht nur bedingt in Verbindung miteinander gebracht werden, ist es am Mittwoch im Magnet Club bei den Konzerten von Cant und Blood Orange gekommen. Ein gelungener Abend!

Bei Blood Orange handelt es sich um den Multifunktionsmusiker Devente Hynes, den das geneigte Publikum unter wechselnden Pseudonymen schon öfter in Berlin erleben durfte. Zum ersten Mal 2005: Damals nannte er sich freilich noch Dev „Metal“ Hynes und musizierte mit seinem Freund Sam E. Slaughter in dem Duo Test Icicles, das mit klirrenden Gitarren und einer pfeifend mit sich selber feedbackenden Beatbox eine Art selbstwidersprüchlich verschlurften Speed Metal für Studenten zu entwickeln versuchte. Hynes kombinierte in diesem Zusammenhang grobes Gegrunze mit einer an den Dalai Lama erinnernden Wollmütze; ein Konzept, das sich freilich nicht dauerhaft durchsetzen konnte, weswegen die Band nach einer Platte wieder von der Bildfläche verschwand. In seinem nächsten Projekt Lightspeed Champion kombinierte er alsdann pastoral orchestrierte Hippiefolkminiaturen mit Texten wie „Ich kotze in deinen Mund / kotz du auf meine kranke Stirn“, während er sich in seiner gegenwärtigen und dritten Werkphase als Blood Orange nun konventionelleren Arten der Liebeslyrik („Come to my bedroom“) zugewandt hat sowie einem mit verzerrter Gitarre zünftig begniedelten Achtzigerjahre-Funk. Die Dalai-Lama-Wollmütze wurde dabei, wie im Magnet Club zu beobachten war, durch eine ähnlich geschnittene SM-Fetisch-Kappe aus Leder ersetzt und der Grunzgesang durch ein falsettierendes Singen, das die Zuhörer je nach persönlicher Prägung wahlweise an den jungen R. Kelly oder die mittleren Milli Vanilli erinnerte.

Es war also ein schönes Konzert – wie auch der folgende Auftritt des transzendentalphilosophisch inspirierten Quartetts Cant, in dem Dev Hynes gleich noch ein zweites Mal als Gitarrist zu bewundern war. Den Kopf von Cant bildet indes der ansonsten als Bassist und Produzent der Gruppe Grizzly Bear wirkende Chris Taylor: Während dieser sich in deiner Stammformation ganz dem gepflegten – ich möchte fast sagen: allzu gepflegten – Ensemble-Folk widmet, gibt er sich bei Cant den bei zu viel Folkgenuss fast zwangsläufig entstehenden unterschwelligen Wünschen nach dunklem Bassbrummen, schrill quietschenden Sounds und klingel-di-dengel-machenden Industrialrhythmen hin. Letztere wurden im Konzert einerseits von dem dabei wild seinen Haarschopf schüttelnden Keyboarder John Kirby beigesteuert und andererseits von dem fabelhaften Jazz-Drummer Guillermo Brown live in sein Gerät geschlagen, so dass nicht nur schönes Geschmachte auf schrilles Gequietsche traf, sondern auch gerades Gedingel und -dengel auf eine komplexe Improv-Polyrhythmik. Was zugleich zu dem Eindruck beigetragen haben könnte, dass vieles sich hier noch im Zustand der Skizze, des Fragments befand. Wir können es aber bis auf weiteres auch musikalische Offenheit nennen.

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