Der Fluch hat gewirkt

Am Sonnabend wurde noch Geburtstag gefeiert: Vor genau 80 Jahren, am 12. November 1931, war in London das Abbey Road Studio eingeweiht worden. Die erste Aufnahme, die hier entstand, stammte vom London Symphony Orchestra: Dirigiert von Edward Elgar, spielte es die Hymne „Land of Hope and Glory“. Hoffnung und Ruhm: Für die Plattenfirma EMI, der die Abbey Road Studios gehören, ist es damit endgültig vorbei. Am Wochenende wurde bekannt, dass die EMI als eigenständige Firma verschwindet; sie wird in zwei Teile zerschlagen und an die konkurrierenden Unternehmen Universal und Sony verkauft. Die EMI-Tonträgersparte geht für 1,2 Milliarden britische Pfund (umgerechnet etwa 1,4 Milliarden Euro) an Vivendi Universal. Der Musikverlag wird für 1,3 Milliarden Pfund (1,5 Milliarden Euro) an ein Konsortium verkauft, das unter Führung des Sony Konzerns steht, dem aber auch der amerikanische Musik- und Kinomogul David Geffen angehört sowie die in Abu Dhabi ansässige Mubadala Investmentbank.

Die EMI befand sich seit Jahren im Niedergang, und in der kriselnden Musikindustrie ist es zuletzt ja unaufhörlich zu Fusionen und Firmenauflösungen gekommen. Dennoch sagt man nicht zu viel, wenn man sagt, dass das Verschwinden dieser Firma einen historischen Einschnitt darstellt. Unter den vier bislang noch verbliebenen globalen Musikkonzernen – neben der EMI sind dies noch Warner sowie eben Universal und Sony – ist sie diejenige mit der längsten Tradition, ihre Geschichte reicht zurück bis zu den ersten industriellen Ton-Aufzeichnungen überhaupt: bis zur Gramophone Company des deutsch-amerikanischen Schallplatten-Pioniers Emil Berliner, dessen gleichnamige britische Partnerfirma – 1898 gegründet – 1931 mit der Columbia Graphophone Company zur EMI fusionierte. Auch waren die Abbey Road Studios, die im gleichen Jahr eingeweiht wurden, das erste Tonstudio überhaupt: Das London Symphony Orchestra nahm hier seit den 30er-Jahren Hunderte von klassischen Werken auf. Zum wesentlichen Ort für die Popmusik wurden sie Ende der 50er-Jahre mit Cliff Richard – und in den 60ern natürlich mit den Beatles, die die meisten ihrer Schallplatten hier einspielten; sie nannten ihr letztes gemeinsam aufgenommenes Album „Abbey Road“ und posierten für die ikonisch gewordene Cover-Fotografie auf dem Zebrastreifen vor dem Gebäude.

Von den 50er-Jahren bis in die 70er war die EMI der größte Schallplattenkonzern der Welt. Die britischen Hitparaden beherrschte sie wie ein Monopolist; dank des Zukaufs von Capitol Records 1955 bestimmte sie auch in den USA das Geschehen. Frank Sinatra, Dean Martin und Nat King Cole gehörten ebenso zum Künstlerstamm wie die Beach Boys, die Ende der 60er mit den Beatles um das „beste Pop-Album aller Zeiten“ wetteiferten; bei der „progressiven“ Londoner EMI-Tochter Harvest erschienen in den 70ern die Platten von Pink Floyd, Deep Purple und Kate Bush. 1976 brachte die EMI auch die erste Sex-Pistols-Single „Anarchy in the U.K.“ heraus, zog sie aber wegen des unmanierlichen Auftretens der Band gleich wieder zurück – wofür die Sex Pistols sie in dem gern zitierten Hasslied „E.M.I.“ verfluchten.

Der Fluch hat gewirkt! Denn seit damals geht es für die EMI vor allem bergab. 1979 wurde sie von dem Mischkonzern Thorn Electrical gekauft und auf einen konservativ-profitorientierten Kurs getrimmt. Während die neue Popmusik drumherum mit Punk und New Wave, HipHop und elektronischer Musik eine historische Blüte erlebte, beschränkte die EMI sich in den 80er-Jahren weitgehend auf „eingeführte“ Künstler und deren Recycling. 1996 stieß Thorn die Firma ab, und die EMI ging an die Börse. Zwar gelangen ihr mit den Spice Girls und Robbie Williams, Radiohead, Coldplay und den Gorillaz noch einmal Erfolge – zumindest in Großbritannien und dem restlichen Europa –, doch eine globale Rolle hat die EMI seither nicht mehr gespielt, und die generelle Krise der Musikindustrie seit 2000 traf sie härter als alle anderen großen Konzerne.

Weswegen es dann sogar noch schlimmer kam. 2007 wurde die hoch verschuldete Firma von dem Private-Equity-Investor Guy Hands übernommen, der ein Drittel der Belegschaft entließ und die Verträge von zahllosen Künstlern kündigte, die er für nicht profitabel genug hielt. Die profitablen Künstler kündigten dann selbst: Robbie Williams – der noch 2002 einen völlig überzogenen 80-Millionen-Pfund-Vertrag abschließen konnte – verkündete einen „Bummelstreik“ gegen das neue Management. Die Wiedervereinigung mit Take That vollzog er 2009 bei Universal, und auch sein nächstes Soloalbum wird dort erscheinen. Vor ihm waren bereits die Rolling Stones (seit 1991 bei der EMI) zu Universal gewechselt; Ex-Beatle Paul McCartney brachte seine neue Platte auf dem Label des Kaffeerösters Starbucks heraus; Radiohead vertrieben ihre neuen Alben selber per Internet.

Schon im Frühjahr 2010 konnte Guy Hands nicht einmal mehr seine laufenden Verbindlichkeiten bedienen; damals kündigte er unter anderem an, die Abbey Road Studios zu verkaufen – woraufhin sie vom britischen Kultusministerium eilig unter Denkmalschutz gestellt wurden. Das Studio blieb, Hands hingegen musste gehen: Im Februar 2011 entmachteten ihn seine Gläubiger von der Citigroup und suchten seither nach einem Käufer für die EMI. Eine Firma, die solvent genug gewesen wäre, um Tonträger- und Verlagssparte gemeinsam zu übernehmen, war in der weltweit angeschlagenen Musikindustrie nicht mehr zu finden. So geht dieses britische Kulturerbe nun zu gleichen Teilen nach Frankreich (wo Vivendi Universal sitzt), Japan, in die USA und die Vereinigten Arabischen Emirate.

Die Konzentration in der verbliebenen Musikindustrie schreitet derweil voran: Nach dem Zukauf der EMI beherrscht Universal fast die Hälfte des weltweiten Tonträgermarkts. Der Verband der unabhängigen Plattenfirmen, Impala, will darum beim Europäischen Kartellamt gegen die Fusion protestieren. Wahrscheinlich wird Universal ein paar Geschäftsbereiche abstoßen müssen – die Abbey Road Studios sollen aber nicht dazu gehören. Das versicherte jedenfalls der aus London stammende Universal-Chef Lucian Grainge: Schließlich, so Grainge, sei dies ein Symbol der britischen Kultur und der Ort, wo die Musik seiner Kindheit entstanden sei. So ist es mit den Abbey Road Studios, wie es mit den Tonträgerfirmen im Ganzen ist: Die letzte Gnadenfrist, die sie noch besitzen, verdanken sie der Nostalgie.

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