Es wäre besser, wenn sie auf elektrischen Stühlen säßen

„Diese Burschen sitzen auf hölzernen Stühlen und spielen elektrische Instrumente. Es wäre besser, wenn sie auf elektrischen Stühlen säßen und hölzerne Instrumente spielen würden.“
So euphorisch beschrieb ein Schweizer Kulturjournalist Anfang der Siebzigerjahre seine Eindrücke von einem Konzert der Kölner Band CAN: Man merkt gleich, dass es sich bei dieser Gruppe um eine der hervorragendsten Hervorbringungen der deutschen Kulturgeschichte handelt. Holger Czukay, Irmin Schmidt, Michael Karoli und Jaki Liebezeit hatten ihre musikalischen Laufbahnen im Jazz und in der akademischen Neuen Musik begonnen; doch seit sie sich 1968  unter dem Namen CAN zusammengefunden hatten, spielten sie den wagemutigsten vorbildlosesten Krach, den man sich vorstellen kann.

Czukay fiepte melodisch mit Kurzwellengeräten herum und zupfte einen rundum ritualistischen Voodoo-Bass; Liebezeit ließ sein Schlagzeug im monotonen Takt eines rammdösig gewordenen Roboters tuckern; und Schmidt und Karoli sägten dazu in entrücktester Weise auf Gitarren, Geigen und allem herum, was sonst noch so Saiten hat.
Vor genau vierzig Jahren, im November 1971,  erschien das zweite und bedeutendste Album von CAN:  „Tago Mago“. Eine epochale Platte, ein Hauptwerk der deutschen Popmusik, ein Evergreen rheinischen Frohsinns – insbesondere wegen der beiden bis heute unfassbar bizarren und tollen jeweils 18 Minuten langen Improvisationsepen „Halleluwah“ und „Aumgn“– gesungen, geröhrt und geröchelt von dem damals gerade frisch hinzu gekommenen exiljapanischen Gammler und Straßenmusikanten Damo Suzuki, den die Band kurz zuvor beim Gammeln und Mantrenbrummen in einer Münchener Fußgängerzone kennengelernt hatte.

Zum vierzigjährigen Jubiläum erscheint „Tago Mago“ am kommenden Freitag noch einmal in einer sehr schönen, auch als Weihnachtsgeschenk gut geeigneten Box (Spoon Records/Warner); nicht  nur für den Komplettsammler empfehlenswert wegen der  – ich untertreibe keineswegs, wenn ich das sage – sensationellen Bonus-CD. Auf dieser befindet sich unter anderem eine dreißigminütige Live-Version von „Spoon“, jenem Stück, das CAN 1972 als Titelmelodie für  Francis Durbridges Fernsehkrimi „Das Messer“ aufnahmen.

Und damit sind die „Tago Mago“-Geburtstagsfeierlichkeiten noch keineswegs erschöpfend beschrieben.  Aus Anlass des Jubiläums hat der Berliner Kurator und Leiter des Künstlerhauses Bethanien, Christoph Tannert, zeitgenössische Künstler darum gebeten, die Musik von CAN in neuen Arbeiten originell aufzugreifen. In der daraus entstandenen Schau „Halleluwah“ sind unter anderem Werke von Daniel Richter, Carsten Nicolai, Thomas Scheibitz, Rose Eken, Carsten Fock, Sven Drühl und Norbert Bisky zu sehen; ergänzend ist im Modoverlag ein flotter Katalog mit erläuternden Texten von dem Kunsthistoriker und Bassisten der Band F.S.K., Justin Hoffmann, sowie dem bescheidenen Verfasser dieser Kolumne erschienen.  Eine rundum gelungene Sache!
Im September und Oktober lief die Ausstellung bereits in Stuttgart; ab nächster Woche ist sie auch in Berlin im Künstlerhaus Bethanien zu sehen. Eröffnung: am Donnerstag, dem 24. November, um 19 Uhr; am gleichen Abend gibt es ebendort auch ein Konzert der Berliner Krautrockrevivalband Atelier Theremin.

Und schon zwei Tage zuvor, am Dienstag, dem 22. November, ist „Halleluwah“-Kurator Christoph Tannert zu Gast bei dem von dem Schweizer Kulturjournalisten Tobi Müller und mir veranstalteten Popsalon „Livekritik und Dosenmusik“ in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Wie stets reden wir über aktuelle und ältere Platten, diesmal geht es natürlich im besonderen um den Krautrock, seine Geschichte und Gegenwart sowie seine Bezüge zur Bildenden Kunst. Beginn ist um 21 Uhr.

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Ein Gedanke zu “Es wäre besser, wenn sie auf elektrischen Stühlen säßen

  1. Sauber – cool; die Photokina 1968 – mit den Konzerten in der U-Bahn-Station Neumarkt – aber da gab es Dich ja noch gar nicht; und übrigens ohne den Piper at the Gates of Dawn und Umma Gumma auch nicht komplett; und mit Grüssen an Amon Düül ….