Transzendentalphänomenologie und Phallogozentrismuskritik

Nicht nur zwischen der Transzendentalphänomenologie und dem P-Funk gibt es ja zahlreiche, wenn auch weitgehend unerforschte Verhältnisse der wechselseitigen Inspiration (lesen Sie dazu den Artikel von Maurice Summen über George Clinton in der Berliner Zeitung vom Mittwoch). Gerade in der laufenden Saison versuchen sich viele Popkünstler  wieder verstärkt an der musikalischen Illustration philosophischer Thesen; denken wir nur an den hier bereits viel gelobten singenden Hegelianer Tom Krell alias How To Dress Well.

Oder an John Maus, der neben seiner Tätigkeit als Elektromusikalleinunterhalter längere Zeit auch als Dozent für politische Philosophie an der Universität von Samoa wirkte. Auf seiner 2007 erschienenen Platte „Love Is Real“ befasst sich Maus mit der Liebes- und Wahrheitstheorie des gleichermaßen von der paulinischen Theologie wie dem Maoismus beeinflussten französischen Großdenkers Alain Badiou. Auf seiner  aktuellen LP „We Must Become the Pitiless Censors Of Ourselves“   (Upset  the Rhythm/Cargo) reflektiert er die Dialektik des Subjektbegriffs: Es geht um verborgene Wünsche, verbotene Gelüste und peinliche Lieblingslieder – kurz: um die Erkundung all jener Arten des ins Unbewusste verdrängten Grauens, das so grauenhaft ist, dass es nicht therapiert werden kann, sondern zensiert werden muss. Die Subjekt-Werdung des Musikers in der Musik will Maus nach eigenen Angaben in seinen Shows als Subjektivierung im ursprünglichen Sinne des Wortes darstellen, das heißt als Unterwerfung (von lateinisch sub-iacere)  unter die jedem individuellen Ausdrucksbemühen notwendig vorgängige Wahrheit der Kunst. Folgerichtig erscheint das künstlerische Subjekt bei Maus notwendig als Nicht-Identisches, das heißt: Bei seinen Konzerten schreit er sich die Seele dermaßen aus dem Leib, dass an seinem Hemd die Knöpfe aufplatzen; das Mikrofon umklammert er so krampfhaft, als gelte es, beim Singen zugleich einen bösartigen Geist in der Maschine zu bannen. Am Sonnabend, dem 3. Dezember, erhalten Sie, liebe Leser, Gelegenheit dazu, diesen hervorragenden Entertainer noch einmal leibhaftig auf einer Berliner Bühne zu sehen: um 21 Uhr im Berghain.

Meine aktuelle Lieblingsphilosophin und -musikerin  und überhaupt in jeder Hinsicht die tollste Entdeckung der laufenden Saison ist jedoch  Maria Minerva. Auf ihrem Albumdebüt „Cabaret Cixous“ (Not Not Fun Records) beschäftigt sich die aus Estland stammende, zur Zeit in London lebende Sängerin und Produzentin einerseits mit dem musikalischen Erbe des von dem gleichnamigen Aufklärungsphilosophen inspirierten Industrialduos Cabaret Voltaire sowie andererseits mit dem Werk der feministischen Theoretikerin Heléne Cixous, die in den Siebzigerjahren im Anschluss an die Logozentrismuskritik Jacques Derridas das Konzept einer radikalen Kritik des Phallogozentrismus entwarf. Gegen den männlich-binär-strukturierten Blick auf die Welt empfahl sie eine „écriture féminine“, die von Weichheit, Vieldeutigkeit, Körper- und Sinnlichkeit geprägt sein sollte. Gerade deswegen wurde Cixus aber auch oft vorgeworfen, mit der Essentialisierung des Weiblichen „an sich“ wieder in jenes binäre Schema zu fallen, das sie eigentlich doch subvertieren wollte.
Wie dem auch sei: Maria Minerva bringt ihre Sympathie mit der Cixous’schen Erkenntnis- und Kunsttheorie dadurch zum Ausdruck, dass sie auf ihren Gesang und die von ihr favorisierten Italo-Disco-Rhythmen so viel Hall- und Rauscheffekte wie möglich legt: eine Technik, die Beobachter des popmusikalischen Geschehens natürlich bereits aus dem aktuellen Genre des Hypnagogic Pop kennen. Während die Wuschigkeit der Musik dort jedoch meist dazu dient, verwaschene Erinnerungsbilder zum Klingen zu bringen, ist das Verwaschene bei  Maria Minerva klar als Ausdruck subversiver Weiblichkeit gemeint; man könnte  in diesem Zusammenhang  also auch von Hypnagender Pop sprechen. Im Intro zu ihrem Stück „Spiral“ sampelt sie überdies die Stimme der US-amerikanischen Philosophin Avital Ronell, die in den Achtzigerjahren mit einer von dem Psychoanalytiker Jacques Lacan inspirierten Theorie des Telefonierens berühmt wurde!

Am kommenden Freitag, dem 25. November, ist Maria Minerva zum ersten Mal bei einem Konzert in Berlin zu erleben: im Rahmen des „Mort à la différence“-Abends, der um  22 Uhr im Chez Jacki an der Schillingbrücke beginnt.

Post to Twitter

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.