Der Eugen Drewermann des Heavy Metal

Am Donnerstag war wieder der Papst in Berlin. Es handelte sich um einen freundlichen, ausgesprochen gut angezogenen Papst, der sein Publikum mit sanften und huldvollen Handzeichen grüßte; er segnete seine Schäfchen beim Betreten der Bühne mit üppigen Schwaden aus Weihrauch und wusste auch sonst, was sich für einen richtigen Papst gehört. Anders als andere Päpste, die man in dieser Stadt schon erlebte, konnte er überdies auch noch gut singen! Sein Gesicht verbarg der singende Papst unter einer weißen Maske mit Totenschädelkontur, womit er an die demutgebietende Endlichkeit allen irdischen Daseins erinnern wollte; durch einen dicken schwarzen Klecks auf seiner leicht nach unten gebogenen Nase erinnerte er außerdem an den Adler Sam aus der Muppets Show. Auf sein lilafarbenes Liturgiegewand hatte sich der singende Papst nach unten gedrehte Kreuze aufsticken lassen. Doch wer deswegen nun glaubt, dass es sich hier um den Sänger einer brutalen Black Metal Band mit kreischenden Gitarren, rasendem Schlagzeug sowie teufelsanbetenden Texten handelt, geht in die Irre: Es handelt sich hier vielmehr um den Sänger einer lieblich aufspielenden Schmusemusikgruppe mit melodisch tirilierenden Gitarren, sacht doppelbassgetrommeltem Schlagzeug sowie teufelsanbetenden Texten.

Ghost heißt das satanische Softrocksextett aus dem schwedischen Stockholm, das im prall gefüllten Festsaal Kreuzberg sein erstes größeres Deutschland-Konzert gab. Ihr Sänger bezeichnet sich als „Papa Emeritus“, während seine fünf Mitarbeiter allesamt als „Anonymous Ghouls“ firmieren, zu deutsch etwa: namenlose leichenschändende Monster. Selbige hatten sich für das Konzert in schwarze Mönchskutten mit Zipfelkapuzen gewandet und ihre Gesichter mit wärmenden Strickmasken verhüllt. Seit 2008 gibt es die Gruppe, im letzten Winter ist ihr Debütalbum „Opus Eponymous“ („Namengebendes Werk“) erschienen. Darauf hört man himmelhoch jauchzende Mönchschöre ebenso wie forsch – gleichwohl niemals grob – davonhoppelnde Gitarrenriffs; es gibt irrlichternd flackernde Prog-Rock-Orgeln zu hören und darüber kompliziertes Septimakkordgezupfe auf der Halbakustischen.

Nicht der klassische Black Metal hat Ghost als Inspirationsquelle gedient, sondern der Klassik- und Kompetenzrock der Siebzigerjahre, von Kansas bis Blue Öyster Cult; als einzige Cover-Version im Konzert wurde „Here Comes The Sun“ von George Harrison geboten. Nicht durch Überwältigung und Primitivismus soll der Hörer mithin auf die dunkle Seite gezogen werden, sondern durch musikalische Verfeinerung und tückischen Optimismus, süße Gesänge, schmeichelnde Melodien und die väterlich-vertrauenserweckende Erscheinung des Sängers, der im Konzert denn auch weniger an Ozzy Osbourne erinnerte als vielmehr an Eugen Drewermann. Toll!

Noch toller sind nur die verführerischen, nicht mehr aus dem Ohr gehenden Melodien, die den schwedischen Schmusesatanisten gelingen: Man höre die Ballade „Elizabeth“ – der gleichnamigen ungarischen Blutgräfin gewidmet – oder den Refrain zu ihrem Hit „Ritual“, am Ende des Abends dargeboten. In schönster Harmonie duettierte der Papst hier mit seinem sacht solierenden Lieblingsmönch und reichte dazu in den vorderen Publikumsreihen ein Glas mit schmackhaftem Messwein herum und warf so lange seine Hostien unter das Volk, bis wir alle gespeist waren und selig, und der Festsaal ward ein Himmelreich.

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