Rammstein, Gang Gang Dance, Maria Minerva

Zu einer denkwürdigen Abfolge von Popkonzerten ist es am Freitag in drei dicht beieinander gelegenen Clubs auf der östlichen Spreeuferseite gekommen: für den vielseitig interessierten Musikfreund ergab sich so die Gelegenheit zu einem lehrreichen und genussbringenden Abendspaziergang.

Zunächst kann man sich um neun Uhr in der Mehrzweckhalle am Ostbahnhof die Berliner Band Rammstein bei der Präsentation ihres Größte-Erfolge-Albums „Made im Germany“ ansehen. Zur Einstimmung haben Rammstein auf dem Vorplatz der Halle ein „Mausoleum“ aus bemaltem Sperrholz errichten lassen. Darin sind die sechs Musikerköpfe als Totenmasken zu sehen, erleuchtet von ein paar Dutzend Grabkerzen. Wer will, kann sich in ein dickes Kondolenzbuch eintragen und damit seine Trauer um Rammstein zum Ausdruck bringen, auch wenn man nicht erfährt, aus welchem Anlass man wegen Rammstein aktuell traurig sein sollte. Vor mir verewigt sich eine Gruppe von Rammstein-Freunden: „Wir waren hier. Susi, Stulle und Stoffel“.

Wie die meisten Verehrer der Band, haben sich auch Susi, Stulle und Stoffel zum Konzertbesuch in T-Shirts mit Rammstein-Motti gekleidet. Die Sätze, die man auf Brüsten und Rücken am häufigsten liest, lauten „Stacheldraht im Harnkanal“, „Steck Bratwurst in Dein Sauerkraut“ sowie „Bück Dich“. Wenn Rammstein-Freunde Geschlechtsverkehr haben, scheint dieser also durchweg auf der Unterwerfung jeweils eines Sexualpartners zu beruhen. Dass auch dabei Kinder gezeugt werden können, beweisen die zahlreich angereisten Familien. Vor dem Auftritt stehe ich neben einer vierköpfigen Rammstein-Fan-Familie mit Vater, Mutter, Sohn und Tochter; der Vater trägt ein Rammstein-T-Shirt mit der Aufschrift „Manche führen / manche folgen“. Das Konzert beginnt dann mit einem Fahnen- und Fackelzug der Band durch das Publikum, zu den ersten Liedern gehören „Sonne“, „Rammstein“ und „Mutter“, besonders bei letzterem beginnen die Familienväter aus vollem Hals mitzusingen, etwa die Zeile „Ich durfte keine Nippel lecken“, wobei man sich freilich fragt, was die Familienmütter in diesem Moment so denken.

Zu dem Lied „Mein Teil“ wird der Keyboarder Flake Lorenz einmal wieder in einem riesigen Kannibalenkessel gesotten; zu „Bück Dich“ krabbelt er auf allen Vieren herum, während Sänger Till Lindemann hinter ihm aus einer Penisapplikation gewaltige Mengen Kunstsperma verspritzt. Beim Anblick dieser Ereignisse wird mir dermaßen langweilig, dass ich beschließe, ins Berghain zu gehen.

Inzwischen ist es etwa viertel vor elf, im Berghain tanzen die Menschen zur Musik der New Yorker Band Gang Gang Dance. Am Tresen treffe ich den aus Karl-Marx-Stadt kommenden Künstler Carsten Nicolai und erzähle ihm, woher ich gerade komme. „Ach, Rammstein, die gibt’s noch?“ fragt er: „Die habe ich bei ihrem ersten Konzert in Berlin gesehen, so 94/95 muss das gewesen sein, im Loft am Nollendorfplatz. Da spielten die als Vorgruppe von Sandow, einer Gruppe aus Cottbus… fand ich aber damals schon doof.“

Von Nicolai gibt es gerade ein sehr schönes neues Objekt – einen Plexiglaskasten mit einem kilometerlangen abgespulten Master-Tonband darin – im Künstlerhaus Bethanien zu sehen; es hängt dort in einer Ausstellung zu Ehren der Kölner Krautrockgruppe Can. In den Siebzigerjahren waren Can die international erfolgreichste deutsche Band; sie hatten mithin jene Position inne, die in den Neunzigerjahren Rammstein übernahmen. Was dies für die qualitative Entwicklung der Popmusik im Allgemeinen und der deutschen Popmusik im Besonderen bedeutet – das ist eine Frage, über die man mal nachdenken könnte, allerdings nicht an einem Freitagabend im Berghain.

Auf der Bühne mischen Gang Gang Dance unterdessen federnd leichte Percussion mit harmonisch leiernden Samples aus dem Nahen Osten, aber auch mit kosmisch blubbernden Synthiegeräuschen; dazu kündet die Sängerin Lizzie Bougatsos mit hoher Stimme von der Freude am Leben und dem unaufhörlichen Werden der Natur. Über der Bühne werden Videofilme von weiten Landschaften und wimmelnden Organismen gezeigt, gelegentlich dreht sich dazu ein Dreieck mit der Inschrift „Positive Energy“; man könnte also sagen, dass Gang Gang Dance einerseits stark nach dem Krautrock der Siebzigerjahre klingen – zum Beispiel nach Can – und andererseits in jeder nur denkbaren Beziehung das genaue Gegenteil zu Rammstein bilden.

Nach dem Ende des Konzerts, inzwischen ist es etwa halb eins, verlasse ich das Berghain, um wiederum 500 Meter weiter ins Chez Jacki zu gehen. Das ist ein kleiner Club an der spreewärts gelegenen Seite des alten Maria-am-Ostbahnhof-Gebäudes. Hier findet zum dritten Mal der „Mort à la différence“-Abend des „Expatriarch“-Magazins statt, eine Konzertreihe, die sich nach eigenen Angaben musikalischen Stilen wie Queer House und Schwulgaze widmet und damit zur endgültigen Überwindung des Geschlechterdualismus beitragen möchte. Als ich eintreffe, spielt gerade das Duo aMinus einen an den psychoanalytischen Theorien C.G. Jungs orientierten Elektropop; gegen halbdrei betritt dann der sehnlich erwartete Star des Abends die Bühne: Maria Minerva! Eine atemberaubende junge Diva aus Tallinn, die aus mickrigen Soundschnipseln jeglicher Art zuckersüß verhallte Discorhythmen montiert und dazu mit lasziver Stimme haucht und singt; drumherum zwitschert und zirpt es auf alle nur denkbaren Arten, ein reicher, lebendiger, wie in einem Treibhaus sprießender Kosmos des Klangs. Im Publikum küssen dazu Männer Männer und Frauen Frauen, aber auch Männer Frauen und umgekehrt; in jedem Fall hat man nicht das Gefühl, dass hier jemand in der Sache des Nippelleckens schon mal zu kurz gekommen sein könnte.

Die „Mort à la différence“-Reihe ist mit dem Konzert von Maria Minerva nun übrigens zu Ende gegangen. Zum einen muss der Chez-Jacki-Club wegen der fortschreitenden Spreeufergentrifizierung bald schließen; ebenso, wie vor neun Jahren der Ostgut Club schließen musste, an dessen einstigem Standplatz sich nun die Mehrzweckhalle am Ostbahnhof befindet, in der nun Rammstein auftreten, während sich die Menschen im fünfhundert Meter entfernten Ostgut-Nachfolge-Club Berghain zugleich fragen, ob es Rammstein eigentlich noch gibt.

Zum anderen wird 2012 nach Auffassung der Partymacher ohnehin das Zeitalter des Wassermanns anbrechen, in welchem, wie die Astrologen seit Alters her wissen, das Erstarken der kosmisch-weiblichen Energie dabei hilft, die patriarchale Gesellschaftsstruktur zu überwinden und auf diese Weise die gesamte Menschheit in einen höheren Bewusstseinszustand zu führen. Eine schöne Idee. Wer gerade von einem Rammstein-Konzert kommt, ahnt allerdings, wie weit der Weg für die Menschheit bis dahin noch ist.

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