Auch das Posthistorische hat seine Geschichte

Erst kreisen rätselhafte Runengebilde zu Kosmischer Musik durch das All; später sammelt das Publikum sich in der Mitte des Saals und betrachtet einen Schlagzeuger dabei, wie er durch einen Trichter auf das Fell einer Stehtrommel bläst. Er scheint einen sehr heißen Atem zu haben! Denn die Stehtrommel zittert in wohliger Weise und lässt die sonderbarsten sanftesten Klänge entschweben. Zur Begleitung prügelt ein Kontrabassist mit wechselnden Geräten auf seinem Instrument herum.

Zwei unterschiedliche, aber gleichermaßen kurzweilige Arten der musikalischen Materialerkundung und -überprüfung sind am Sonntagabend im Festsaal Kreuzberg zu erleben gewesen. Zunächst flocht der New Yorker Laptopbediener und Produzent Daniel Lopatin, der unter dem Namen Oneohtrix Point Never auftritt, schöne Klangflickenteppiche aus antiker Zukunftsmusik. Schon zum dritten Mal war er innerhalb eines Jahres – nach Auftritten im Berghain und im Astra – in Berlin zu erleben. Doch hat Lopatin in dieser Zeit eine deutliche musikalische Wandlung vollzogen: Vom relativ ruppigen Industrialkrach seines ersten Albums „Returnal“ hat er sich zu farbig funkelnden Klangminiaturen vorangearbeitet, die nach zer- und wieder verbastelten Soundtracks aus Weltraumeroberungsfilmen der Siebzigerjahre klingen.

Darum wurde Lopatin zuletzt immer wieder als Protagonist einer posthistorisch gewordenen Popmusik genannt: weil er die Sounds der Zukunft und der Nostalgie virtuos miteinander zu verflechten und dabei ihres historischen Indizes zu berauben versteht. Aber auch das Posthistorische hat seine Geschichte – daran wurde man jedenfalls beim zweiten Konzert an diesem Abend erinnert, das von dem Schlagzeuger Chris Corsano und dem Bassisten Clayton Thomas gegeben wurde. Corsano ist in der „New Weird America“ genannten neuen Folk- und Improv-Szene bekannt geworden; Thomas kommt aus der Berliner „Echtzeitmusik“, Jazzfreunde kennen ihn aus dem Peter Brötzmann Tentett. Wie sie ihre Geräte mit sachfremden Gegenständen traktieren – das verweist ebenso in die Tradition der improvisierten Musik wie in die Gegenwart der alle Klangdifferenz nivellierenden digitalen Musik. Doch während Daniel Lopatin unter mythischen Videos rätselhafte Prozesse in seinen Geräten steuert, offenbaren Corsano und Thomas dem Publikum noch das kleinste Detail ihrer Klangproduktion: Gegen die posthistorische Feier des Mythos setzen sie wieder ganz auf die Rehistorisierung durch Materialismus.

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