Für Sonic Youth (1981–2011)

Die Tage sind nun immer kürzer geworden, das gefallene Laub verwest auf den Straßen, der Winter naht unaufhörlich heran; mithin werden uns viele Gelegenheiten geboten, über die Endlichkeit des Daseins zu sinnieren und über die Vergänglichkeit aller Dinge sowie die Frage, ob es unter den Menschen eigentlich wahre Liebe gibt oder eventuell eben nicht. Auch ich liege des Nachts derzeit häufig wach und denke über mein verpfuschtes Leben nach oder an jene Konzerte zurück, die selbiges grundlegend veränderten. Zum Beispiel an einen Abend im Jahr 1986 in einer nicht sonderlich großen, aber trotzdem halbleeren Hamburger Konzerthalle, in der die New Yorker Band Sonic Youth ihr damals gerade erschienenes Album „E.V.O.L.“ vorstellte: der irrste, süßeste, avantgardistischste und zugleich melodisch mitreißendste Lärm, den ich in meinem Leben bis dahin gehört hatte; gespielt von zwei Gitarristen, die ihre Geräte auf alle nur denkbaren Arten bedienten, bloß nicht so wie es der Gitarrenlehrer gemeinhin empfiehlt, und die sich vor jedem neuen Stück aus einem großen Gitarrencontainer ein neues irgendwie speziell besaitetes, deformiertes oder sonstwie bearbeitetes Instrument angelten; und von einer furchteinflößend schönen und auch ansonsten furchteinflößenden Bassistin, die – was ich freilich erst später erfuhr – mit dem blonden Gitarristin auch noch verheiratet. Verheiratet! Ein für mich damals schier unfassbarer Zustand. Ich bin dann in den folgenden 25 Jahren auf jedem Sonic-Youth-Konzert gewesen, das sich irgendwie besuchen ließ; ich war auf dem Konzert zur Veröffentlichung des „Daydream Nation“-Doppelalbums 1988 ebenso wie auf dem Konzert zum 20. Jahrestag der Veröffentlichung des „Daydream Nation“-Doppelalbums 2007 (etwas verfrüht gefeiert). Oder 1990 auf dem Konzert zur Veröffentlichung des Albums „Goo“ mit einer mir damals auf ziemlich gekünstelte Weise kaputt erscheinenden Vorgruppe, deren Sänger nach zwanzig Minuten ins Schlagzeug fiel, woraufhin man dachte: aus denen wird garantiert nichts. Die Gruppe hieß natürlich Nirvana, und man weiß, was für ein Ende es mit ihr genommen hat.

So flogen die Jahre dahin, und Sonic Youth waren immer dabei; auch in musikalisch für sie eher dürftigen Zeiten wie den späten Neunzigerjahren waren sie immer noch die tollste Band auf der Welt. Und Thurston Moore und Kim Gordon waren das tollste Ehepaar im Pop und die tollsten Eltern; ihre Tochter Coco ist inzwischen 17 Jahre alt und spielt natürlich längst in einer eigenen Riot-Grrrl-Band.

Im Oktober haben sich Thurston Moore und Kim Gordon getrennt. Nach 27 Jahren Ehe. Nach 30 Jahren in einer gemeinsamen Band. Sonic Youth – so hieß es von ihrem Label Matador Records – würden die Konzerte der laufenden Südamerika-Tournee noch absolvieren, aber darüber hinaus gebe es keine „verlässlichen“ Pläne mehr: „Das Paar bittet, seine Privatsphäre zu respektieren und möchte in dieser Sache keine weiteren Kommentare abgeben.“ Zwar hat die Band noch nicht offiziell ihre Auflösung bekannt gegeben; aber in ihrem Umfeld gibt es wohl keinen, der Sonic Youth eine gemeinsame Zukunft einräumt. „Thurston und Kim sind getrennt: Wir glauben nicht mehr an die wahre Liebe“, hieß es auf der Internetseite Pitchfork; und auf salon.com fragte die Kommentatorin: „Wenn nicht mal diese beiden es schaffen – welche Hoffnung können wir anderen haben?“ Thurston Moore ist am Montag bei einem Solokonzert in der Volksbühne zu sehen (5.12., 20 Uhr). Gehen Sie dorthin, er ist ein wunderbarer Solist! Doch bei dem Gedanken, dass er nie wieder mit Sonic Youth spielen wird, kann ich nichts anderes als tiefe Verzweiflung empfinden.

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Ein Gedanke zu “Für Sonic Youth (1981–2011)

  1. Grossartiger Nachruf, wie viele Ihrer Artikel! Freue mich immer, das aus Ihrer Feder Geflossene zu lesen. Man muss nicht jedes mal allem zustimmen, aber die Informationen, die Sie mir oft, als Leser der BZ, geben, sind wunderbar. Konzertkritiken sind natürlich subjektiv und manchmal denke ich, oh Gott, wo haben sie denn den Balzer jetzt wieder hingeschickt, doch dann kommt auch Sarkasmus von Ihnen, wenn die „Schmerzen“ im Konzert zu groß für Sie wurden. Prima. Da Musik – und Kunstgeschmack eine sehr individuelle Angelegenheit sind, wäre es manchmal vielleicht besser, bestimmte Konzerte von anderen Journalisten kommentieren zu lassen.
    Diesen Nachruf hätte allerdings kein Anderer schreiben sollen!
    Alles Gute weiterhin!