Der alte Mann und das trötende Höschen

Mit zwei interessanten Veranstaltungen ist am Mittwoch und Donnerstag der berühmte britische Anzugträger Bryan Ferry in Berlin gewürdigt worden. Am Mittwoch eröffnete im .HBC Club in Mitte eine Ausstellung mit historischen Fotografien, die Bryan Ferry im Wandel der Anzug- und sonstigen Männermode seit den Siebzigerjahren zeigen; am Donnerstag gab er im Admiralspalast ein Konzert mit Liedern aus seiner vier Jahrzehnte umspannenden Karriere, von den ersten Platten seiner Band Roxy Music bis zu seinem letzten Solowerk „Olympia“.

In all dieser Zeit wurde Bryan Ferry sehr oft fotografiert, und immer hatte er etwas anderes an. Auf den Bildern der Ausstellung kann man ihn zum Beispiel in einem Tigerfelljäckchen und mit einer Tedtolle sehen (aufgenommen im Jahr 1972), in einer Militärhose mit Kummerbund (1982), aber auch in wechselnden Herrenanzügen mit bepunktetem (1973), gestreiftem (1977) oder pferdebemustertem Schlips (1976). In einer kecken Stierkämpfer-Chaquetilla (1973)  macht er eine ebenso gute Figur wie in einem durchschwitzten Pilotenhemdchen und Lederhose (1978). Lediglich mit Samtjacke, Rotzbremsenbart und punktierter Fliege (1976) wirkt er wie ein Gebrauchtwagenhändler, der dem Betrachter des Bildes gerade Prügel androht.

Es handelt sich um eine schöne Ausstellung, auch über die Beschäftigung mit der Ferry’schen Männermode hinaus. Im hintersten Saal kann man ergänzend einige Bilder des berühmten Unterwäschemodels Kate Moss betrachten, die aus der Fotosession für das Cover des „Olympia“-Albums stammen. Das Foyer des .HBC Clubs bereichert ein in Camouflagefarben lackierter Konzertflügel, der sich dank breiter Reifen untendran mühelos   zum Musizieren in jedes Krisengebiet bewegen lässt.

Denn Bryan Ferry tritt gerne auch einmal in Krisengebieten auf, erst kürzlich spielte er auf Einladung einer örtlichen Oligarchin zur Einweihung eines Juwelierladens in Kasachstan. Zu dem Konzert am Donnerstag hatte ihn zwar nur eine deutsche Nachrichtenübermittlungsfirma eingeladen. Gleichwohl war Bryan Ferry auch zu diesem Anlass wieder festlich gekleidet, mit schwarzem Anzug, hellerem Hemd und schmalem Schlips. Neben ihm befanden sich eine achtköpfige Band sowie zwei Tänzerinnen auf der Bühne; die beiden Tänzerinnen  tollten zunächst im roten Glitzerfummel mit Familie-Feuerstein-Fransen herum, um ihre Bekleidung dann im Verlauf des Abends schrittweise zu reduzieren. Schön anzusehen war auch die Saxofonistin, sie trug ein heißes Höschen und eine durchsichtige Bluse, was zumindest eine Weile dafür entschädigte, dass sie nicht sonderlich gut Saxofon spielen konnte.

Knapp zwei Stunden lang boten Bryan Ferry und seine Band ältere und neuere Stücke dar; aus seinem aktuellen Album gab es etwa die Single „You Can Dance“ zu hören.  Die Roxy-Music- und Ferry’schen Solowerke aus den Achtzigerjahren wurden in gelungener Form interpretiert; der konservativ-snobistische Synthpop jener Ära passte auch am besten zum konservativ-snobistischen Bekleidungsstil.

Leider nur gab Ferry sich über weite Teile des Abends auch wieder seiner verhängnisvollen Neigung hin, klassische Rock- und Folk-Stücke  im Klanggewand einer Feierabend-Oldie-Band aufzuführen. Zu rätselhaften Bildern brennender Piratenschiffe wurde etwa Neil Youngs „Like A Hurrican“ zu einer stumpfen Kneipenmusik niedergerungen. Ein sehr junger, sehr gut aussehender Gitarrist spielte auf seinem Instrument scheußliche Soli; ein Soul-Chor schmetterte Melodiefetzen im Casting-Show-Stil; die Saxofonistin im heißen Höschen trötete schiefe Töne ins Ganze hinein. Schlimm! Noch schlimmer war nur ihr Versuch, in  dem Stück  „Editions Of You“ ein Solo des alten Roxy-Music-Saxofonisten  Andrew Mackay nachzuspielen, während Bryan Ferry ihr dabei das heiße Höschen begaffte; ein Moment, in dem er dann plötzlich nicht mehr wie ein dekadent-lässig gekleideter Snob wirkte, sondern wie ein mäßig musikalischer sexistischer Spießer, den man weit lieber ansieht als anhört.

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