Arme Menschheit

Heute noch einmal: Post von den Lesern. In den letzten Wochen haben mich zahlreiche interessante Zuschriften erreicht, für die ich mich herzlich bedanke. So meint unsere Leserin Susanne Grahms: „Die Vernichtung von Kunst und Kultur und die planmäßige Verblödung der Massen hat es schon sehr weit gebracht, Sie beteiligen sich ja fleißig daran und jetzt schreiben Sie einen großen Artikel über eine sogenannte ,Dillon‘, das ist ja nun der Tiefpunkt der Entwicklung. Ein weibliches Wesen, das eine kranke Stimme hat, nicht singen kann, wird von Ihrer Zeitung hochgelobt. Was sind das für Leute, die an diesem schrecklichen Gekrächze Gefallen finden und sich daran berauschen? Sind schon so viele Menschen geisteskrank? Einem geistig normalen Menschen wird doch schlecht, wenn er hört, was da produziert wird. Haben Sie das noch nicht gehört? Oder sind Sie auch schon kulturell so tief gesunken, dass Sie das gut finden? Arme Menschheit, was ist aus dir geworden!“

Zu meiner Rezension des Bryan-Ferry-Konzerts im Admiralspalast bemerkt Herr Andreas Schierard aus  14059 Berlin: „Ihr Musikkritiker J.B. scheint ja an einem ausgeprägt maliziösen Scheiße-im-Hirn-Syndrom zu leiden!  Entweder war B. besoffen oder mit bewusstseinserweiternden Substanzen im Hirn, die zur zerebralen Bewusstseinstrübung führten!? Vielleicht sollte er zwischenzeitlich mal in einer Fischmehlfabrik arbeiten, um seine Geistesgleichgewichtsstörungen zu behandeln.“

Vor drei Wochen beklagte ich an der Stelle die traurige Tatsache, dass sich die Eheleute Thurston Moore und Kim Gordon nach 27 Jahren voneinander getrennt haben und damit auch ihre Band Sonic Youth vor dem Ende steht. Dazu schreibt mir Herr Wolfgang Wendel: „Großartiger Nachruf, wie viele Ihrer Artikel! Freue mich immer, das aus Ihrer Feder Geflossene zu lesen. Konzertkritiken sind natürlich subjektiv und manchmal denke ich, oh Gott, wo haben sie denn den Balzer jetzt wieder hingeschickt, doch dann kommt auch Sarkasmus von Ihnen, wenn die ,Schmerzen‘ im Konzert zu groß für Sie wurden. Prima. Da Musik- und Kunstgeschmack eine sehr individuelle Angelegenheit sind, wäre es manchmal vielleicht besser, bestimmte Konzerte von anderen Journalisten kommentieren zu lassen. Diesen Nachruf hätte allerdings kein Anderer schreiben sollen! Alles Gute weiterhin!“

Von Delia Struppek aus 13447 Berlin kommt hingegen folgende Zuschrift: „Lieber Herr Balzer, ihre Fastschonuntröstlichkeit über die Trennung von Kim Gordon und Thurston Moore und die –  wohl damit einhergehende – von Sonic
Youth kann ich so sehr nachvollziehen. Dennoch störe ich mich an der immer wieder auftretenden defizitorientierten Sichtweise, die beiden hätten ,es nicht geschafft‘. Also bitte. 27 Jahre. Siebenundzwanzig Jahre! Die ,wenn nicht mal die …‘-Einschätzung bringt doch folgerichtig die Annahme mit sich, dass dies eben 27 von Liebe geprägte, geschaffte und nicht 27 gescheiterte Jahre waren. 27 Jahre zumindest von außen so wahrgenommene Liebe. Das ist doch nicht nichts! Ebenso die Trennung. Auch die kann ein ,Schaffen’ sein, denn allein schon aufgrund des sunk cost effects neigt man dazu, an etwas festzuhalten, in das man viel investiert hat, auch wenn es inzwischen nicht mehr gut ist. Sie haben sich getrennt und damit mutmaßlich die Möglichkeit geschaffen, eine Zukunft zu gestalten, in der sie einander einzigartige Gefährten bleiben, sich begleiten und bereichern können. Wer mag das schon vorab als schieren Verlust bezeichnen.“
Ein wundervolles Schlusswort, auch für diese Kolumne. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und ein gesegnetes Weihnachtsfest.

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Ein Gedanke zu “Arme Menschheit

  1. Verglichen mit der Fanpost die andere Blogger so bekommen , können sich sich über derlei Beschwerden glücklich schätzen. Im Übrigen teile ich die angebrachten Kritiken durchaus.