Die barfüßige Diva

Wie friedlich diese Lieder erst schienen, voll sanfter und gefühlvoller Melancholie. Aber wie bitter und schmerzhaft die Geschichten oft waren, die Cesária Évora in ihnen erzählte: von Ausbeutung und Sklaverei, von Entwurzelung und Gewalt. Sie sang von den afrikanischen Sklaven, die auf ihrer Reise über das Meer manchmal auch in Évoras Heimat, auf den Kapverdischen Inseln, strandeten; sie sang von den kapverdischen Mädchen, die vor der Armut daheim nach Europa flohen und da ein noch schlimmeres Schicksal erlebten. „Schicksal“: davon sang Évora immer wieder. „Fatalidade“: so hieß auch einer der Songs auf ihrem 2009 erschienenen Album „Nha Sentimento“. Doch ging es ihr nie um Fatalismus. Stets mahnte sie ihre Hörer, aufzubegehren, sich nicht zu ergeben. Oder wie es in „Fatalidade“ heißt: „Arbeite, kämpfe, singe!“

Die Kapverdischen Inseln, wo Cesária Évora 1941 geboren wurde, liegen mitten im Atlantischen Ozean, knapp 500 Kilometer vor der senegalesischen Küste. Seit dem 16. Jahrhundert portugiesische Kolonie, dienten sie als wichtiger Hafen für den Sklavenhandel. So mischten sich hier Portugiesen mit Afrikanern und die Inselbewohner mit Seeleuten aus aller Welt; und so vielstimmig, bunt und welthaltig war auch die Musik, die auf den Kapverden entstand. Aber auch: So tief geprägt von der Brutalität und vom Schmerz der Sklaverei, von den jahrhundertealten Erfahrungen von Erniedrigung und Hunger, Entfremdung und Armut. Für die kapverdische Musik ist Cesária Évora in den letzten Jahrzehnten die bekannteste Stimme gewesen; ihr Ruhm und ihre Bedeutung reichen indes weit darüber hinaus. Gerade im Spätwerk, auf Alben wie „Nha Sentimento“ oder „Rogamar“ (2006), traf sie einen im Pop einzigartigen, gleichsam geschmeidigen und rauen Ton: sanft, doch unversöhnt.

Gesungen hat sie, seit sie ein Kind war. Ihr früh verstorbener Vater war Gitarrist, ihr Onkel einer der wichtigsten Komponisten der Morna, „der kapverdischen Cousine des Blues und des portugiesischen Fado“, wie Évora den Stil gerne nannte. Ihre Familie war arm. Das erste Paar Schuhe, so erzählte sie, habe sie als Mädchen erhalten, um darin vor einer wohlhabenden Gesellschaft aufzutreten. Doch habe sie sich standhaft geweigert, die ungewohnten Schuhe zu tragen – und auch die erwachsene Sängerin ging später bei ihren Konzerten am liebsten barfuß auf die Bühne, aus Solidarität mit den Entwurzelten und Armen. Darum wurde sie von ihren Verehrern auch gern „die barfüßige Diva“ genannt. Évora selbst entkam der Armut erst, als sie Mitte der Achtziger – da war sie schon 47 Jahre alt – bei einem Auftritt in Lissabon von dem portugiesischen Produzenten José da Silva entdeckt wurde.

Er verhalf ihr nicht nur zu einem Plattenvertrag, sondern binnen kurzem zu einer erstaunlichen internationalen Karriere. Mit ihrem 1993 erschienenen Album „Miss Perfumado“ wurde sie zum Superstar der „Weltmusik“; über sechs Millionen Platten soll Évora seither verkauft haben. Unermüdlich tourte sie um die Welt – und zog sich zwischendurch immer wieder in ihre Heimat zurück, auf die Insel São Vicente, wo sie am Ende ihres Lebens einen Palast direkt am Strand bewohnte. Der Gewohnheit, bei jedem Auftritt eine Flasche Cognac zu trinken, hatte sie in den Neunzigern abgeschworen; Kettenraucherin ist sie aber wohl bis zum Ende gewesen, auch über ihren Schlaganfall im Jahr 2008 hinaus. Öffentliche Auftritte hatten die Ärzte ihr schon in diesem Sommer verboten; an einem Album mit Morna-Balladen, das im nächsten Frühjahr erscheinen soll, arbeitete sie aber weiter. Es ist nun zu ihrem Vermächtnis geworden. Am Sonnabend ist Cesária Évora auf São Vicente im Alter von 70 Jahren gestorben.

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