Kinderfasching in Nordkorea

Am Mittwochabend hat die Londoner Band Coldplay in der ausverkauften Mehrzweckhalle am Berliner Ostbahnhof ein von 17 000 begeisterten Coldplay-Anhängern frenetisch bejubeltes Konzert gegeben. Anderthalb Stunden lang boten sie eine Auswahl ihrer schönsten Kompositionen dar, von dem in aller Welt beliebten Hit „Clocks“ bis zu den komplex konstruierten Liedern von ihrem aktuellen Konzeptalbum „Mylo Xyloto“, das sich nach Auskunft der Band mit dem schädlichen Einfluss der modernen Massenmedien auf die menschliche Psyche und insbesondere auf die Dialektik von Individualisierung und Vergemeinschaftung befasst, oder anders gesagt: auf die  Herausbildung von Intersubjektivität. Man soll sich das eigene Tun nicht von anderen vorschreiben lassen, so die Botschaft dieser traditionell ebenso gesellschafts- wie kapitalismuskritischen Gruppe, die ihr vorletztes Album „Viva la Vida“ nicht umsonst den Protagonisten der Französischen Revolution widmete. Und damit haben Coldplay natürlich Recht, es gibt nichts Schlimmeres, als sich von anonymen Mächten manipulieren zu lassen.

Beim  Betreten der Halle wird mir von einer freundlich, aber bestimmt auftretenden Coldplay-Assistentin ein Armband mit „Mylo Xyloto“-Aufdruck und einem kleinen Funkempfänger über das Handgelenk gestreift. Wozu dient dieses Armband? Die Assistentin lächelt lediglich in sinistrer Weise. Handelt es sich um ein GPS-Ortungsgerät? Oder empfängt das Armband per Funk elektromagnetische Impulse? Was wird passieren, wenn ich während des Konzerts den Satz „Coldplay sind eine unglaublich langweilige und aufgeblasene Band, die ihren musikalischen Ideenmangel durch protzige Bühnenshows sowie kariertes kapitalismuskritisches Gequassel zu übertünchen versucht, ihre Mischung aus künstlerischer Belanglosigkeit und wichtigtuerischem Drumherumgewese wird im Grunde nur noch von Bono und Sting übertroffen“ in mein Notizbuch schreibe? Werde ich von dem  Coldplay-Armband umgehend mit Elektroschocks bestraft? Ich setze mich hin und  probiere es aus. Nichts passiert! Das ist erst einmal erleichternd.

Ihre Bühne haben Coldplay mit pink- und neonfarbenen Graffiti übersät, auch ihre Instrumente sind kunstvoll mit unverständlichen Halbsätzen, Kringel- und Dudelgrafiken beschmiert. Auf diese Weise wollen Coldplay ihre Opposition gegen die Hässlichkeit der Welt im Allgemeinen und der modernen Architektur im Besonderen zum Ausdruck bringen. Eine gute Idee, gerade in der Mehrzweckhalle am Ostbahnhof! Allerdings haben sie die  Graffiti ausschließlich auf solche Bühnenbauteile anbringen lassen, die man nach dem Ende des Konzerts wieder abmontieren und entsorgen kann.

Das erste Stück des Abends ist der Titelsong des neuen Albums; als die Band die Bühne betritt und das Licht erlischt, beginnen die Armbänder an den Handgelenken der Zuschauer nunmehr in den verschiedensten Farben rhythmisch zu blinken. Die Funkempfänger scheinen also mit den Beleuchtungsreglern am Mischpult verkoppelt zu, womit die Zuschauer zum beliebig einsetzbaren Bestandteil der Beleuchtungsanlage werden. Da Coldplay ihren Hörern empfehlen, sich jeder Manipulation zu verweigern, ziehe ich mir das leuchtende Armband herunter und versuche es auszutreten. Aber vergeblich, die darin enthaltene Elektronik scheint recht robust zu sein. Inzwischen hat das zweite Stück begonnen, dazu fallen große Luftballons aus dem Bühnenhimmel herunter; zum dritten Stück wird aus gewaltigen Konfettikanonen Konfetti ins Publikum geschossen sowie auf den ins Publikum hineinragenden Bühnensteg, auf dem Coldplay-Sänger Chris Martin und der Gitarrist Jonny Buckland nunmehr  mit ungelenk-ausladenden Körperbewegungen wie hyperaktive Erstklässler herumkaspern.

So wirkt der Auftritt auch im Folgenden durchweg wie eine Faschingsfeier im Kindergarten; das bereitwillig sich zur Blinkanlage machende Publikum leiht ihm zudem einen Zug ins Nordkoreanische. Der Jahreszeit angemessen, spielen Coldplay zusätzlich zum regulären Programm zwei Weihnachtslieder, „White Christmas“ von Irving Berlin und „Christmas Lights“ von sich selbst. Beim Verlassen der Halle blinken Tausende von Armbändern immer noch heiter an den Handgelenken der Fans. Nur meins ist aus irgendeinem Grund inzwischen erloschen.

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4 Gedanken zu “Kinderfasching in Nordkorea

  1. Das ist für mich die größte Frechheit!
    Redet von Kinderfasching, hat aber nicht mitbekommen das 17.000 Leute erstaunt waren!
    Sich so niveaulos über ein Konzert zu äußer, das hat auch nichts mehr mit Kritik zutun!
    Das ist für meine Begriffe keine Art sich über eine Band und Konzert zu äußern! Warum können nicht Leute den Job einnehmen, die Spaß an Ihrer Arbeit haben und sich ernsthaft artikulieren können.

    Peinlich, peinlich….und so eine Zeitung ließt man jeden Tag!

  2. Eine Frechheit so etwas zu behaupten….!!!! Wahrscheinlich ist der Blind und Taub der das geschrieben hat…..!!!!!

  3. Das ist der seit Jahrmillionen beste Beitrag von Jens Balzer. Und das von einem Autor, dessen spitzfingriges Konterfei in der „Berliner Zeitung“ mich regelmäßig zum Würgen am Frühstückstisch bringt. Man kann Coldplay gut oder nicht gut finden; dieser Text hat eine Qualität, die auf zynisch-genauer Beobachtungsgabe beruht. Hier hat Herr Balzer einmal seine ideologiegefärbte Brille abgenommen (die ihm zum Beipiel bei der Betrachtung der Band „Rammstein“ doch tiefere Blicke nicht ermöglicht) und einen hoch originellen Text geschrieben. Wenn er jetzt noch ein aktuelleres Foto einstellt, das einen nicht so blöde anguckt sondern zynisch-sinister anblickt, kann man auch wieder sein Frühstück verzehren, ohne beim hastigen Wegblättern der Kaffee zu verschütten.