Mehr Être als ^tre

In unserer kleinen Reihe über die aktuellen Wechselbeziehungen zwischen Transzendentalphänomenologie, Phallogozentrismuskritik und Pop kommen wir nach dem singenden Hegelianer Tom Krell, der Disco-Poststrukturalistin Maria Minerva und dem New-Wave-Maoisten John Maus heute zu dem begabten und, wie sich gerade wieder erwiesen hat, ausgesprochen beliebten 21-jährigen New Yorker Produzenten Nicolas Jaar; selbiger verbindet in seinen Werken verlangsamten Deep House, klicker-klacker-machenden Minimal Techno sowie neuerdings auch kompliziert gebrochene Dubstep-Rhythmen mit HipHop-artigen Sprechgesängen sowie allerlei  Henri-Bergson-, Pierre-Bourdieu- sowie in erster Linie Jacques-Derrida-Zitaten. Man könnte seine Musik mithin auch als Derridastep bezeichnen.
Seine erste Maxi-Single hatte er noch „Marks & Angels“ genannt und den beiden so ähnlich heißenden Philosophen des dialektischen Materialismus gewidmet; auf seinem im vergangenen Jahr erschienenen Albumdebüt „Space Is Only Noise“ heißt das erste Stück „Être“ und das letzte Stück „ˆtre“; mit dem fehlenden E unter dem Zirkumflex möchte Jaar einerseits in der Nachfolge der Heidegger’sch-Derrida’schen Ontologiekritik auf die Durchgestrichenheit des Sinns von Sein verweisen sowie andererseits auf die besondere Bedeutung, die Freiräume, Stille und Verzögerungen in seiner Musik besitzen.
Tatsächlich passiert auf vielen Stücken, die man auf „Space Is Only Noise“ hören kann, im Wesentlichen auch erstmal nichts. Es gibt rätselhafte Umweltgeräusche zu schönem Schellackplattengeknister zu hören, über die ein Erik-Satie’sches Ambientklavier klimpert;  Vocoderstimmen plaudern über Piepstönen und Händeklatschgeräuschen dahin.

Was die House-Musik-hörende Menschheit nicht daran hindert, in Massen zu den beiden Nicolas-Jaar-Konzerten im Berghain zu drängen. Wegen der großen Nachfrage musste ein zweiter Termin anberaumt werden; vor dem ersten Konzert am Montag war die Schlange vorm Haus so lang wie sonst nur am Wochenende. Drinnen spielte Jaar sich zwei Stunden durch das Repertoire des Albums und seiner  EPs; es gab aber auch Dubstep-artige Stücke zu hören sowie, als zweite Zugabe, eine Art Witch-House-Aneignung.  Klangcollagen und Tanzpassagen wechselten in klug kalkulierter Weise; am Ende wirkte der Abend gleichwohl gemischtwarenladenartig. Auch finden sich bei aller philosophisch aufgeputzten Avantgarde-Seligkeit zu viele konventionelle Tricks  in der Jaar’schen Musik. Man hört gewissermaßen mehr Être als ^tre : Aus diesem Maximalismus des Mangels wird sich ein eigener Minimalismus erst noch herausbilden müssen.

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