Prenzlauer Berg 2020

Hallihallo, liebe Leser, herzlich willkommen zu einer neuen Staffel der Popkolumne der Berliner Zeitung und vielen Dank für die Wünsche zum neuen Jahr. Sehr gefreut habe ich mich etwa über die Zuschrift von Thomas Thoelke. Er schreibt zu meiner Kritik des Coldplay-Konzerts: „Das ist der seit Jahrmillionen beste Beitrag von Jens Balzer. Und das von einem Autor, dessen spitzfingriges Konterfei in der Berliner Zeitung mich regelmäßig zum Würgen am Frühstückstisch bringt. Man kann Coldplay gut oder nicht gut finden; dieser Text hat eine Qualität, die auf zynisch-genauer Beobachtungsgabe beruht. Hier hat Herr Balzer einmal seine ideologiegefärbte Brille abgenommen (die ihm zum Beispiel bei der Betrachtung der Band Rammstein doch tiefere Blicke nicht ermöglicht) und einen hoch originellen Text geschrieben. Wenn er jetzt noch ein aktuelleres Foto einstellt, das einen nicht so blöde anguckt, sondern zynisch-sinister, kann man auch wieder sein Frühstück verzehren, ohne beim hastigen Wegblättern den Kaffee zu verschütten.“
Ansonsten wurde das neue Jahr in Berlin ja wieder damit eröffnet, dass viel zugemacht wurde, insbesondere Clubs: Die Maria feierte ihre allerletzte Party, ebenso wie das Chez Jacki im gleichen Gebäude; das Icon verabschiedete sich, und kommendes Wochenende schließt auch der Klub der Republik in der Pappelallee. Abgesehen vom Ausland in der Lychener Straße und dem Wabe Kulturhaus ist der Prenzlauer Berg damit komplett clubbereinigt. Was uns zu der Frage führt: Wo werden sich eigentlich all die „Arschlochkinder“ (C. Rösinger) aus dem nämlichen Viertel vergnügen, wenn sie nicht mehr – wie jetzt – alle zugleich im Grundschulalter sind, sondern – in sechs bis acht Jahren – alle zugleich in den nachtclubfähigen Lebensabschnitt eintreten? Bis dahin werden auch Friedrichshain, Kreuzberg und Neukölln von Kleinfamilien besiedelt sein, die früh ins Bett gehen und keine Geräusche von draußen dulden. Müssen die Prenzlauer-Berg-Teenager  2020 das Berliner Nachtleben also  in Lichtenberg oder in Leipzig suchen oder (noch irrer) in Weißensee? Oder werden sie ihre zahlenmäßige Übermacht dazu nutzen, die geschlossenen Bassmusikkeller in ihrem Kiez wieder zu öffnen? Und was werden die heute noch ständig wegen Lärms beim Ordnungsamt anrufenden Prenzlauer-Berg-Eltern tun, wenn ihre bis dahin vor allem Unbill beschützten Kinder dann zu ihnen sagen: „Verehrte Eltern, entweder ihr lasst uns in eurer Townhouse-Garage einen temporären  Retro-Post-Dubstep-Club eröffnen, oder wir müssen uns jedes Wochenende zum Feiern auf die gefahrvolle Reise nach Lichtenberg  oder Leipzig begeben! Oder sogar nach Weißensee!“  Ich würde sagen: der „Kinderfaschismus“ (G. Seibt) vom Prenzlauer Berg hat  noch einiges Partypotenzial zu bieten.
Bis es soweit ist, wird aber noch manche Gentrifizierungsdebatte geführt werden müssen. Zum Beispiel am kommenden Donnerstag (19. 1.): Unter dem Titel „Reicher und trotzdem sexy – Musik, Clubkultur und Gentrifizierung“ diskutieren Clubbetreiber und Politiker über das Berliner Nachtleben und die politischen Möglichkeiten zu seinem Schutz; es geht um Lärmschutzgesetze, Raumplanung, Mehrwertsteuersätze und andere Themen, die uns alle angehen. Mit dabei sind unter anderen der neue Leiter der Senatskanzlei Björn Böhning (SPD), Senatssprecher Richard Meng, Katrin Schmidberger und Ramona Pop von den Grünen, Ben De Biel von der Piratenpartei sowie diverse Clubbetreiber und Konzertveranstalter. Es moderiert: der bescheidene Verfasser dieser Kolumne. Beginn ist um 19 Uhr in der Homebase in der Köthener Str. 44, nahe dem  Potsdamer Platz.

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Ein Gedanke zu “Prenzlauer Berg 2020

  1. Lieber Jens Balzer,
    viele Grüsse aus Bremen. Bei uns hat die Geschichte schon Tradition. Die „Arschlochkinder“ feiern nicht in ihrem eigenen Viertel, sondern bei den „Anderen“. Im Bahnhofsbezirk, in den eher heruntergekommenen Altbauecken, die noch nicht ge-gentri-dingsbumst sind, und neuerdings in alten Proletarierecken. Bloss nicht zu hause über den eigenen Vorgartenzaun kotzen! Bei den „Anderen“ kann man ja so richtig die leeren Pullen durch die Gegend pfeffern, so richtig zeigen, was man wirklich für’n steiler Hecht ist, ohne von Mutti oder Papi die Monatsanweisung gestrichen zu kriegen.
    Also, freut Euch auf die „Sich befreiende Reich-und-Hip-Jugend.
    viele Grüsse aus der Provinz,
    Andreas Wiethop