Waldfrieden am Kollwitzplatz

Liebe Leser! Anlässlich der Schließung der letzten noch relevanten Nachtlebeninstitutionen im Prenzlauer Berg fragte ich mich in der vergangenen Woche an dieser Stelle, ob die dort heranwachsenden Kinder als Teenager dereinst in Lichtenberg oder Leipzig ausgehen müssen oder ob sie in sechs bis acht Jahren die geschlossenen Clubs in ihrem Viertel wieder eröffnen werden. Dazu schrieb mir Herr Andreas Wiethop: „Lieber Jens Balzer, viele Grüße aus Bremen. Bei uns hat die Geschichte schon Tradition. Die ,Arschlochkinder‘ feiern nicht in ihrem eigenen Viertel, sondern bei den ,Anderen‘. Im Bahnhofsbezirk, in den eher heruntergekommenen Altbauecken, die noch nicht ge-gentri-dingsbumst sind, und neuerdings in alten Proletarierecken. Bloß nicht zu Hause über den eigenen Vorgartenzaun kotzen! Bei den ,Anderen‘ kann man ja so richtig die leeren Pullen durch die Gegend pfeffern, so richtig zeigen, was man wirklich für’n steiler Hecht ist, ohne von Mutti oder Papi die Monatsanweisung gestrichen zu kriegen. Also, freut euch auf die Sich-befreiende Reich-und-Hip-Jugend. Viele Grüße aus der Provinz.“

Vielen Dank, Herr Wiethop, Sie haben natürlich recht, so wird es werden. Eine Vorstufe zu dieser Entwicklung kann man im Prenzlauer Berg bereits beobachten: Viele Kinder werden ja morgens am Kollwitzplatz abgeholt und mit Shuttle-Bussen in wilde Waldstücke im Umland verbracht, wo sie dann basteln, schnitzen, den Regen spüren, mit selbstgefertigten Speeren scheuem Rotwild nachstellen und sich auch sonst wie Kinder benehmen dürfen. Am Ende des Tages geht es per Bus zurück. „Waldkindergarten“ heißt diese wegweisende Institution, und was spricht dagegen, 2020 die dann von den Kindergartenkindern nicht mehr benötigten Busse als Teenie-Nachtleben-Shuttle in die erblühende Wald-Disco-Szene in Weißensee, Wandlitz und anderen weit entlegenen wilden Vierteln zu nutzen? Wer wiederum dort wohnt und nachts lieber schläft, kann ja zum Zelten auf den weiterhin waldfriedlich stillen Kollwitzplatz kommen.

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