Lärmschutzklagen werden keine Wirkung mehr haben

Liebe Leser. In den vergangenen Wochen sorgten wir uns an dieser Stelle wiederholt um die Zukunft der Berliner Clubkultur, beklagten die kulturelle Verödung einstmals vitaler Innenstadtviertel und fragten uns, wo die bis dahin ausgehfähig und nachtlebenwillig gewordenen Kinder aus Prenzlauer Berg oder Mitte  in sechs bis acht Jahren hingehen werden, um laute Musik mit tiefen Bässen zu hören, Drogen zu nehmen und spontanen anonymen Geschlechtsverkehr auf Unisex-Toiletten zu pflegen wie einst ihre Eltern. Werden die zwischenzeitig geschlossenen Clubs  dann wieder eröffnet werden? Und wenn ja, in welcher Form?
Eine interessante Nachricht erreicht uns in diesem Zusammenhang aus New York. Hier soll nämlich der legendäre, von 1973 bis 2006 im East Village gelegene Underground-, Punk- und Rumpelrockschuppen CBGB sechs Jahre nach seiner gentrifizierungsbedingten Schließung erneut eröffnen. Das jedenfalls melden die gewöhnlich gut informierten Blogger von Gothamist.com: Man habe ein geeignetes Grundstück in Manhattan gefunden, und mit den Einnahmen eines bereits geplanten Benefiz-Festivals könne die Wiedereröffnung im Sommer vonstatten gehen.  Wobei Wiedereröffnung hier nichts anderes heißt als: Wiedereröffnung in originalgetreuer Gestalt – mit sämtlichen liebgewordenen Einzelteilen aus dem alten  Interieur, die dem CBGB dereinst sein einzigartiges Flair verliehen. „Der ganze Laden stank nach Pisse, wie in einer Latrine“, hat sich beispielsweise der spätere David-Bowie-Manager Leee Childers einmal erinnert. Daher wurden die original Urinale nach der Schließung in einem Speicher in Williamsburg eingelagert, ebenso wie der Schreibtisch der Managerin und der letzte Barmann des Clubs. Die berühmte Markise vorm Haus mit dem „CBGB OMFUG“-Schriftzug befindet sich derzeit in der Filiale der Rock’n’Roll Hall of Fame in SoHo, während der Bartresen in einem Container in Connecticut auf seine Rekonstruktion wartet.
Sollte dies nicht den Berliner Clubbetreibern als Vorbild dienen? Bevor der Klub der Republik endgültig abgerissen wird, sollte man ihn fachmännisch demontieren und bis zur Wiedereröfnung in einem Container in – sagen wir einmal – Königs Wusterhausen einlagern. Auch die Maria am Ostbahnhof könnte man – wenn denn tatsächlich einmal ihre allerletzte Gnadenfrist abgelaufen sein wird – Mauerstein für Mauerstein abtragen und unter sorgfältiger virologischer Pflege der auf diesen Mauersteinen über Jahre hinweg herangewachsenen Pilz- und Flechtenkulturen auf einer der vielen brachliegenden Flächen in Vierteln wie – sagen wir einmal – Weißensee oder Wandlitz wieder aufbauen. Vielleicht könnte man dort oder anderswo an der Peripherie ja auch die Errichtung eines Clubkultur-Museumsdorfs ins Auge fassen, in dem die aus dem Zentrum verdrängten Clubs eine neue Heimat finden. Spätere Generationen könnten hier Inspiration, Baumaterial und erfahrene Barmänner finden.
Während man in entlegenen Gegenden wie diesen mangels unmittelbarer Nachbarn auch in den kommenden Jahren noch laute Partys feiern kann, werden sich die Clubs in der  Innenstadt in Zukunft noch mehr auf Musik konzentrieren müssen, die so leise ist, dass man sie am besten gar nicht mehr hört. Wie das aussehen könnte, hat der wie stets in die Zukunft vorausdenkende Club Transmediale am Montag bei seinem Eröffnungskonzert  im HAU 1 demonstriert.  Knapp drei Stunden lang wurden hier Werke der französischen Elektronikpionierin Eliane Radigue in akustisch-analoger Form interpretiert: Das heißt, dass ihre bis zur Unhörbarkeit leisen elektroakustischen Ober- und  Brummtöne von einem Cellisten und  zwei Bassklarinettisten in bis zur Unhörbarkeit leise Cello- und Bassklarinettenober- und -brummtöne übersetzt wurden. Eine intensive Erfahrung! Besonders für die zirka vier Fünftel der Zuhörer, die unter jahreszeitlich bedingten Erkältungskrankheiten litten und nun – da ihnen vor Beginn des Konzerts im Fall der kleinsten Geräuscherzeugung körperliche Züchtigung durch die Veranstalter angedroht worden war – drei Stunden lang mit roten, blauen und lilafarbenen Gesichtern den Husten-, Nies- und Atemreiz zu unterdrücken versuchten.
Einen vergleichbaren Ansatz verfolgt der Künstler Eleh, der am letzten Abend des Club Transmediale, am Sonntag, in der Passionskirche zu hören sein wird – oder auch nicht: Denn Eleh arbeitet vor allem mit Frequenzen ober- oder unterhalb des hörbaren Spektrums, die direkt auf die Körperfunktionen und -teile wirken. Sollten Ihnen, liebe Nachbarn der Passionskirche, am Sonntag also plötzlich die Plomben vibrieren oder die Nase bluten, dann wissen Sie: Eleh ist in der Stadt! Mit Lärmschutzklagen wird man diese Musik der Zukunft aber nicht mehr bekämpfen können.

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3 Gedanken zu “Lärmschutzklagen werden keine Wirkung mehr haben

  1. sehr schöner Artikel.
    ich werde mich bemühen umgehend einen Container zu finden, den ich irgendwo in die Pampa stellen kann.

  2. Lieber Ben, das ist eine konstruktive Einstellung. Gut! Das neue Musikboard soll ja eine Million Euro bekommen, da sind sicher auch für Dich ein paar Container drin.