Der Filzzopfträger und der Gitarrenkrachkaiser

Unser Thema heute: die Musikfilme auf der Berlinale. Hier gibt es über einen gelungenen und einen weniger gelungenen Beitrag zu berichten.
Sehr gut gefallen hat mir Kevin Macdonalds breit angelegter Dokumentarfilm über den allseits beliebten gesellschaftskritischen Reggae-Musiker und Filzzöpfeträger Bob Marley; fast zweieinhalb Stunden lang schlägt Macdonald in „Marley“ den Bogen von seinen Jugendjahren im jamaikanischen Trenchtown über den Beginn seiner musikalischen Karriere bis zu seinem weltweiten Erfolg Ende der 70er und frühen Krebstod 1981.
Zwar folgt das Ganze der konventionellen Schematik des Popmusik-Biopics mit  Konzertaufnahmen, Zeitzeugengesprächen und streng chronologischer Vorgehensweise. Doch so liebevoll und einfallsreich montiert wie dieser Film sind nur wenige in seinem Genre; obwohl O-Töne, Interviewpassagen, Konzertbilder und historisches Filmmaterial  einander ständig überlagern und gegeneinander verschieben, bleiben die Bilder in elegantem Fluss. Und die filmischen Fundstücke, die Macdonald ausbreitet, sind wirklich fantastisch: Man sieht Marley (im Anzug!) bei frühesten Auftritten Mitte der 60er-Jahre mit seiner Gruppe The Teenagers; man sieht ihn zu Beginn seiner Solo-Karriere unter anderem bei dem auch heute noch gut durchgedrehten Produzenten und Dub-Erfinder Lee „Scratch“ Perry. Auf dem Gipfel seiner musikalischen Laufbahn und seines politischen Einflusses ist Marley dann  etwa auf der Bühne bei den Unabhängigkeitsfeierlichkeiten von Simbabwe zu sehen oder in Kingston beim – erfolgreichen – Versuch, mit einem Konzert zwei verfeindete Politiker zu einem Handschlag zu bewegen. Und es gibt ein Interview mit jener bayerischen Krankenschwester, die Marley kurz vor seinem Tod während des Klinikaufenthalts in Rottach-Egern am Tegernsee pflegte.
Zu den interessantesten Zeitzeugen gehört auch der mittlerweile im Ruhestand befindliche Ex-Plattenboss Chris Blackwell. Mit seinem Label Island Records verhalf er Marley Mitte der Siebzigerjahre zum internationalen Erfolg. Doch trägt Blackwell auch erheblichen Anteil an der Veränderung des Marley’schen Klangbilds: vom technisch innovativen und wagemutigen Dub-Sound der ersten, noch von Lee „Scratch“ Perry verantworteten Stücke hin zum Reggae-Stereotyp. Wegen dieser Nivellierung des Sounds, aber auch wegen angeblicher Ausbeutung der Künstler wird „Chris Whitewell“ (wie Marleys 1987 ermordeter früher Mitstreiter Peter Tosh ihn nennt) in diesem Film denn auch ausgiebig beschimpft. Was Blackwell – obwohl er  hierbei als Executive Producer wirkte – nicht daran hindert, auch derlei Szenen unkommentiert und unabgewehrt stehen zu lassen. Dazu von hier aus ein herzliches: Positiv, Mann!
Auf der Berlinale ist „Marley“ leider nicht mehr zu sehen; er startet aber am 17. Mai regulär in den deutschen Kinos.
Nicht so gelungen ist leider hingegen Uli M. Schueppels Beitrag „Brötzmann – Da gehört die Welt mal mir“ über den allseits beliebten, in Berlin lebenden Gitarrenkrachkaiser Caspar Brötzmann. Zwar gibt es darin schöne Aufnahmen aus dem Brötzmann’schen Comeback-Konzert vor anderthalb Jahren im Berghain zu sehen. Doch drumherum hat Schueppel  – der mit „Elektrokohle (Von Wegen)“ vor drei Jahren einen wirklich hervorragenden historisch-dokumentarischen Film über die mit Brötzmann geistesverwandten Einstürzenden Neubauten produzierte – leider nur pathetisch-konfuse und überdies ziemlich öde  Aufnahmen des Künstlers beim nächtlich-frühmorgendlichen Bootfahren, Lagerfeuer-Entfachen,  Muscheln-sammeln und Schwer-durch- schaubares-Zeug-Reden gruppiert.
Biografischen, familiären, pophistorischen Kontext ignoriert der Film hingegen  völlig; über die Herkunft des Künstlers erfährt man nur in ein paar fragmentarisch eingestreuten Erinnerungen aus dem Off, dass er als Kind mal an einer Bahnstrecke wohnte und sein Großvater hinterm Haus mit Stahl und Metall werkelte, weswegen er bis heute ein besonderes Verhältnis zu Krach aller Art hege. Dass wiederum sein Vater Peter Brötzmann ein berühmter Free-Jazz-Extrem-Tröter ist, thematisiert Schueppel ebenso wenig  wie die sich eventuell gerade daraus ergebenden, im Werk von Caspar Brötzmann jedenfalls virulenten  Beziehungen zwischen Free Jazz und Noise Rock.  Inwiefern gleichen oder unterscheiden sich die für diese beiden  Genres jeweils spezifischen Arten von Krach? Wie verhält sich die musikalische Praxis in Brötzmanns Band zu den improvisierenden Spielweisen im Jazz?
Das wären so Fragen, auf die Caspar Brötzmann sicher interessante Antworten geben könnte. Allerdings nicht in diesem Film, der noch einmal am Sonntag, den 19. 2., um 17.30 Uhr  im Cubix 7 zu sehen ist.

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