Manchmal muss man ein Feuer entfachen

Speech Debelle über Rassismus, die London Riots, ihren Olympiasong und ihr Album „Freedom of Speech“

Im Gefilde des rhythmischen Sprechgesangs gehört sie gegenwärtig zu den erfreulichsten Erscheinungen: die Londoner Rapperin Corynne Elliot alias Speech Debelle. Elegant lässt sie ihre Texte über luftige Jazz-Arrangements fließen. Auf ihrem Debütalbum „Speech Therapy“ waren vor drei Jahren nicht nur Kontrabass, Trompete und Gitarren zu hören, sondern auch das schönste Oboensolo der jüngeren Popgeschichte. Doch so beiläufig plaudernd Speech Debelles Ton auch wirkt, so präzis und analytisch sind ihre Texte: In „Daddy’s Little Girl“ befragte sie sich in selbsttherapeutischer Weise auf die widerstreitenden Gefühle zu ihrem stets abwesenden Vater. Auf dem neuen Album „Freedom of Speech“ weitet sie den Blick ins Gesellschaftliche: „Manchmal muss man eben ein Feuer legen, wenn einem sonst keiner zuhören will“, heißt es etwa in „Blaze Up A Fire“, ihrem Kommentar zu den London Riots.

 

Was kommt bei Ihnen zuerst, die Musik oder das Wort?

 

Das Wort! Am Anfang steht bei mir immer das Wort! Ich hab Worte geliebt, seit ich sprechen kann; als ich neun war, hab ich angefangen, Gedichte zu schreiben. HipHop hab ich erst später kennengelernt, und für mich hieß das auch erstmal nichts anderes als: eine Kombination aus Musik und Dichtung. Ihre Musik hat sehr Jazz-hafte Aspekte. Hören Sie viel Jazz? Überhaupt nicht. Und ich improvisiere auch nichts, die Songs von der ersten Platte hab ich zum Beispiel komplett am Computer vorproduziert. Die Streicher waren Midi-Streicher, die Drums kamen vom Keyboard.

 

Davon hört man auf der fertigen Platte nichts mehr – gerade darin unterscheidet sie sich vom Rest des britischen HipHop und Grime, weil sie auf Samples, Loops und sonstige digitale Mittel verzichtet.

 

Das stimmt, ich wollte nie, dass meine Musik elektronisch klingt. Als ich den Plattenvertrag hatte, hab ich mir sofort Studiomusiker gemietet und alles neu eingespielt.

 

Von den britischen „Black Music“-Sendern fühlen Sie sich seither boykottiert, weil Ihre Musik nicht „schwarz“ genug ist. Wieso nicht?

 

Wissen Sie: Alle schwarzen Radiostationen werden von weißen Leuten geführt – sie bestimmen, was „schwarz“ heißt. Das kann man auch nur als weißer Mensch; als schwarzer Mensch definiert man sich nicht als schwarz, sondern als Mensch. Wenn ich nach Jamaika fahre – meine Familie hat jamaikanische Wurzeln –, würde da niemand auf den Gedanken kommen, mich als schwarz zu betrachten. Schwarz-sein ist ebenso eine Erfindung von Weißen wie „schwarze Musik“. Und die Weißen in der Musikindustrie haben schwarze Musik nun mal im Sinne dieses digital geprägten „Urban Style“ definiert. Damit habe ich nichts zu tun.

 

Auf dem neuen Album hört man noch mehr „weiße“ Rock-Gitarren.

 

Oh ja, Mann, das war immer mein Traum! Riiiichtig schwere Rock-Gitarren! Und fette Drums! Ich wollte immer, dass meine Musik wie „Once In A Lifetime“ von den Talking Heads klingt! Aber ist es nicht schwierig, sich in solchen Arrangements mit der Stimme noch durchzusetzen? Es ist schwierig, nicht vom Rappen ins Singen zu kippen. Wenn man zu singen anfängt, ist alles wieder ganz einfach. Wenn man das nicht will, muss man genau wissen, wie weit man gehen kann.

 

Den Song „Blaze Up A Fire“ haben Sie kurz nach den London Riots herausgebracht, darin versetzen Sie sich in die Perspektive der Protestierenden. Hat man Ihnen da nicht vorgeworfen, mit den Plünderern zu sympathisieren?

 

Erstmal ging es bei den London Riots nicht um Plünderei, sondern darum, dass ein weißer Polizist einen schwarzen jungen Mann erschossen hat, und zwar offensichtlich ohne Grund! Und dann hat die Polizei auch noch behauptet, es sei in Notwehr passiert – obwohl jeder wusste, dass es nicht stimmt! Die Familie, die Freunde des Opfers: sie sind einfach nur abgefertigt worden, die Vertreter des Staates haben ihnen bloß gesagt: Haut ab! Nur deswegen kam es zu den Ausschreitungen, und nur deswegen wurde später geplündert.

 

Der Song ist ja vor den Riots entstanden …

 

… das stimmt …

 

… haben Sie vorher schon so etwas kommen sehen? Gab es einen Punkt, etwa nach der Wahl von David Cameron zum Regierungschef, wo ein solcher Aufstand absehbar wurde?

 

Oh, dazu musste ich gar keine Hellseherin sein. Es war ja nicht der erste Aufstand in Großbritannien, vorher hatten schon die Studenten gegen die katastrophale Bildungspolitik der Tories demonstriert. Und 2011 war doch generell so ein Jahr: Auf der ganzen Welt sind die Leute auf die Straße gegangen, um gegen Ungerechtigkeit zu protestieren, in Ägypten, Tunesien, Frankreich, Griechenland, überall …

 

… außer in Deutschland.

 

Echt? Sind die Leute bei Ihnen mit allem zufrieden?

 

Sieht so aus. Wie waren die Reaktionen auf „Blaze Up A Fire“? Haben Sie deswegen viel Ärger gehabt?

 

Nein, überhaupt nicht, ich hab nur positives Feedback erhalten. Der Song erklärt sich auch wirklich selber: Ich billige nicht die Gewalt; ich stelle nur die – wie ich finde – gerechtfertigte Frage, warum Gewalt in unserer Gesellschaft so oft das einzige Mittel zur Kommunikation ist. Und wer das nicht versteht: fuck off. Für solche Leute mache ich ohnehin keine Musik.

 

Stimmt es, dass der Song „Spinning“ von Ihrer ersten LP als erster offizieller Song der Olympischen Spiele 2012 ausgewählt worden ist?

 

Ja, aber nicht im Original, sondern in der Cover-Version von Tinchy Stryder und Dionne Bromfield. Aber sie haben ihn eigentlich kaum verändert; der Refrain und die Bridge sind identisch; man erkennt sofort, dass es mein Song ist. Werden Sie denn selbst bei den Spielen auftreten? Nein, dazu bin ich nicht eingeladen … aber ich werde mir das Ganze im Fernsehen anschauen! Auf das Finale im 100-Meter-Lauf bin ich schon ziemlich gespannt.

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