So retro, dass sie schon wieder post-retro ist

Ein Lob der wunderbaren Sängerin und Produzentin Julia Holter
Die Liebesgöttin hat heute sehr schlechte Laune. Zornig schlägt sie auf zerschredderten Metallstücken herum und schreit ihren Geliebten an; mit furchterregend kalter Stimme verhöhnt und erniedrigt sie ihn; später lässt sie den unglücklichen Knaben abschließend – ihre Laune ist inzwischen nicht besser geworden  – von seinen eigenen Pferden in Stücke zerreißen.
Wer ist der Mann, und was hat er bloß falsch gemacht?  Er heißt Hippolytos und hat vorübergehend mit der Jagdgöttin Artemis geflirtet; daraufhin wird er von der ausnehmend eifersüchtigen Aphrodite nach allen Regeln der Kunst ruiniert. „Der bekränzte Hippolytos“ heißt diese Tragödie, die der athenische Dichter Euripides um das vorchristliche Jahr 428 verfasst hat. Knapp 2500 Jahre später hat die kalifornische Sängerin und Produzentin Julia Holter daraus eine ebenso kunstvoll gewirkte wie äußerst kurzweilige Platte gemacht: Auf „Tragedy“, erschienen im letzten Herbst, hört man schwebende, stürzende, schlingernde Streicher, gesampelte Umwelt- und Alltagsgeräusche, grollendes Industrialgedengel und gregorianische Chöre – und vor allem: den süßesten, schroffsten und wandlungsreichsten Pop-Gesang, den man sich vorstellen kann.
In der Rolle der empörten Wutgöttin brilliert Holter ebenso wie als trauernde Exfreundin Phaedra. Von metallisch-flehenden Vocoder-Effekten verfremdet, singt sie in dem Stück „Goddess Eyes“ dem zerfetzten Geliebten die Totenklage: „I can see you, but my eyes are not allowed to cry“, ich kann dich sehen, aber meinen Augen ist es verboten zu  weinen. Herzzerreißend! Und ausgesprochen gewieft, wie Holter den roboterhaften Klang des Vocoders einzusetzen versteht, um die Klage der Göttin noch menschlicher wirken zu lassen.
Ihre musikalische Karriere hat sie vor fünf Jahren am California Institute of the Arts in Los Angeles begonnen; man könnte sagen, dass es sich hierbei um das Zentrum des zeitgenössischen poststrukturalistisch geprägten Jeder-kann-mitmachen-Pop handelt. Der hervorragende Retro-New-Wave-Alleinunterhalter John Maus, der zu käsiger „Miami Vice“-Synthesizermusik beispielsweise den Wahrheitsbegriff in der paulinischen Theologie besingt, kommt ebenso aus dieser Schule wie Ariel Pink, der sich zu Hall-and-Oates-artigem Softrock mit der Krise der Männlichkeit in der postmodernen Kultur befasst  („Menopause Man“).
Der Wille zum Theorietreiben und ein gutes Gespür für Gegenwartsfragen verbindet sich bei all diesen Künstlern mit der Leidenschaft für Retro-Musik, für vergessene oder – am besten – aus ästhetischen Gründen verfemte historische Stile: Softrock, Synthiepop, Surf- und Strandgesänge. Auch Julia Holters Ästhetik ist natürlich retro; allerdings ist sie dermaßen retro, dass sie schon wieder post-retro ist. Ihre Leidenschaft für untergegangene Kulturen richtet sich eben nicht auf die Achtziger-, Siebziger- oder Sechzigerjahre des letzten Jahrhunderts, sondern – Golden Oldies aus dem alten Athen!  –  auf die Zwanzigerjahre des fünften Jahrhunderts vor Christus. Oder auf die dunklen, lediglich von ein paar schön verschachtelten Gnadengesängen erhellten Jahre des europäischen Mittelalters: wie in dem Stück „Marienbad“, das sich jetzt auf ihrer neuen, im März erscheinenden LP „Ekstasis“ findet.
Wie fast alle Stücke bisher, hat Julia Holter auch „Marienbad“ komplett allein produziert: mit künstlich erzeugten Spinett- und Harmoniumklängen; mit einem Rhythmus aus wiederum vocoderverfremdeten Schnipseln ihrer eigenen Stimme und einem dunkelbunt darüber erblühenden Chor aus immer nur von ihr gesungenen Melodien – gefiltert, verfremdet, mal schneller, mal langsamer abgespielt.
Wo „Tragedy“ ein Konzeptalbum mit ausgetüftelter Dramaturgie war, versammelt „Ekstasis“ eine Folge von Songs. Doch findet man nun in jedem Song eine ganze Tragödie, ein ganzes Drama aus Gesang und Klängen, aus Stille und plötzlich einsetzendem Krach, aus lieblichen, sofort ins Ohr gehenden Melodien  und mysteriös darunter schnarrenden Bässen. Dabei verbirgt Holter an keiner Stelle die Künstlichkeit, auch technische Schlichtheit ihrer Produktionsweisen – doch dient diese Künstlichkeit niemals dazu, sich von der eigenen Musik zu distanzieren. Den ironischen Gestus ihrer meisten Kollegen ersetzt sie vielmehr durch den Wunsch nach musikalischer Erhabenheit. Aus der Gegenwart will sie nicht ins Nostalgische fliehen, sondern ins Ewige und Schöne: Nichts könnte unzeitgemäßer sein, nichts ist gerade darin aktueller. Man wird im Moment kaum jemand anderen finden, der so wagemutig, verletzlich und schön musiziert wie Julia Holter.
Julia Holter: Tragedy (Leaving Records); Ekstasis (RVNG Intl.) – erscheint am 8.3.;
Konzert: 10. Juni, Berghain Kantine

Post to Twitter

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.