Hemdenzerfetzfreundliche Hochgeschwindigkeitskunst

Dreieinhalbtausend hyperaktive hysterische Halbwüchsige haben am Freitagabend die Columbiahalle in einen brodelnden Bottich verwandelt. Brostep heißt denn auch der musikalische Stil, zu dem die schon nach wenigen Minuten vollverschwitzten Menschen herumsprangen und -zuckten sowie sich die nassen Hemden von der Brust rissen. Hektisches Geboller wechselt in diesem Genre mit klitzeklein geschnittenen und schwindelerregend schnell zur Hallendecke hochflitzenden Stimmfragmenten sowie  mit  lässig schwingenden, aber brutal modulierten Bass-Passagen: eine, wie man schon merkt, rundum zuck-, schubs- und hemdenzerfetzfreundliche Musik, die sich vor allem bei jungen und sehr jungen Menschen größter Beliebtheit erfreut. Als ich mit meiner Begleiterin zum Rauchen in den Außenhof trete, staunt einer von ihnen  uns großäugig an: „Ihr seid bestimmt schon über dreißig, oder?“
Sonny John Moore aus Los Angeles, der an diesem Abend auftritt, ist jedenfalls 24 Jahre alt und unter dem Namen Skrillex der erfolgreichste und meistgehypte, aber auch umstrittenste Pop-Produzent der Stunde. Aus den hyperaktiv verzwirbelten Rhythmen des Dubstep und den dazugehörigen Wobble-Bässen hat er eine Art Stadionrock mit Synkopen gemacht – und damit den britischen Underground-Sound erstmals in die globalen Pop-Hitparaden und die großen Konzerthallen gebracht. Ein Umstand, von dem die stil- und distinktionsbewussten Dubstep-Freunde in Großbritannien natürlich not amused sind;  hunderte von „Why I Hate Skrillex“-Seiten kursieren bereits im Netz. Erschwerend kommt hinzu, dass er früher einmal in einer Emocore-Band gespielt hat und mit seiner asymmetrischen Achtzigerjahre-Dorfpunk-Frisur bis heute auch so aussieht. Und er hat als Remixer und Produzent nicht nur mit Lady Gaga und Bruno Mars zusammengearbeitet, sondern auch mit den kalifornischen Nu-Metal-Spacken von Korn: eine Entscheidung, die für halbwegs geschmacksbegabte Menschen in der Tat schwer nachzuvollziehen ist.
Andererseits: Hatten wir nicht gerade noch gesagt, dass in der Epoche der Retromania ohnehin keine Geschmacksgrenzen mehr gelten? Noch die schlimmsten Scheußlichkeiten der Popgeschichte – von Eurodisco bis Softrock – werden von fortschrittlichen Hipstern als „interessantes Material“ frisch zitiert.
Doch was für historische Scheußlichkeiten gilt, muss für aktuelle Scheußlichkeiten noch lange nicht gelten, wie man in diesem Fall an den ungnädigen Reaktionen der Underground-Gemeinde sieht. Zuletzt war es James Blake, der Skrillex’ „amerikanisierter“ Variante des Dubstep wegen ihrer antiquierten Bollerbums-Maskulinität vorwarf, gar kein richtiger Dubstep zu sein! Wobei man in diesem Zusammenhang daran erinnern sollte, dass die Verfechter der noch reineren Dubstep-Lehre wiederum James Blake gerne vorwerfen, wegen seiner filigran-effeminierten Ästhetik kein richtiger Dubstep zu sein.
Dubstep-Diskurs hin oder her, in der Columbiahalle jedenfalls tobte der Mob. „Filigran und effeminiert“ war aber auch nicht wirklich das erste, was man beim Besuch dieses Konzertes dachte. Gelegentlich waren Reminiszenzen an den Dub Reggae zu hören und sogar getoasteter Sprechgesang aus dem Computer. Dann aber fiel Skrillex wieder in stumpfestes Happy-Hardcore-Gebolze mit vocoderverfremdeten Rave-Hymnen zurück: David Guetta trifft„Das Lied der Schlümpfe“; dazu blitzen Stroboskope und explodieren Buffbomben.
An solchen Stellen darf  man selbst als toleranter 42-Jähriger schon mal die Nase rümpfen. Auch reicht der reine Wille zur dauernden Selbstüberbietung nicht aus, um die Dramaturgie über zwei Konzertstunden hinweg straff zu halten. Doch  dann gibt es wieder musikalisch großartige Momente wie – kurz vor Ende des Abends – den Single-Hit „First Of The Year (Equinox)“, in denen aus all der Aggression, der Hektik, der Überbietung plötzlich große Klarheit entsteht. Im dazugehörigen Video  begleitet man übrigens einen Pädophilen dabei, wie er ein kleines Mädchen in einer Tiefgarage zu überwältigen versucht. Das kleine Mädchen entpuppt sich als mit Superkräften begabter Pädophilenbeseitigungsdämon und massakriert den verdutzten Mann zu immer derberen Beats  nach allen Regeln der Kunst.

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