Woh, woh, woh, mach den Strauß

Alles begann mit dem Straußentanz. „Do the ostrich, yeah“: „Mach den Strauß! Leg Dein Gesicht auf den Boden, yeah, dann trittst Du mit dem Fuß auf das Gesicht! Woh, woh, woh, mach den Strauß!“ So jedenfalls lautete der Text des Lieds „The Ostrich“, mit dem der damals  23-jährige Lewis Alan Reed den Modetanz der Saison 1965 zu kreieren versuchte. Damals arbeitete er in einer New Yorker Plattenfirma, wo er in einem unterbezahlten Songschreiberteam schäbige Schundkompositionen zusammenschusterte. Vom Straußentanz erwarteten die Chefs allerdings einen Hit – darum drängten sie Reed, eine Band mit sehr gut aussehenden Musikern zusammenzustellen, die den Song auch im Fernsehen aufführen könnte. Der erste sehr  gut aussehende Musiker, der ihm über den Weg lief, war ein hagerer Waliser mit einem Seitenscheitel, der gerade Klavier und Bratsche studierte und seine Tage mit mehrstündigen Orgelimprovisationen verbrachte, die nur aus einem einzigen Ton bestanden.
John Cale und Lou Reed verstanden sich auf Anhieb hervorragend: Denn auch Reed spielte auf seiner Gitarre am liebsten nur einen einzigen Ton.  Die Gruppe The Primitives, die sie zur Förderung des Straußentanzes gründeten, verfehlte ihr Ziel zwar: Bis die Menschen einander beim  Tanzen regelmäßig mit den Füßen auf die Köpfe traten, sollten noch einige Jahre vergehen.  Binnen Kurzem jedoch ging aus den Primitives die primitivste und zugleich avantgardistischste Rock’n’Roll-Band hervor, die der Rock’n’Roll bis dahin gesehen hatte: The Velvet Underground – benannt nach einer Studie über das sexuelle Verhalten in den amerikanischen Vorstädten.
In dieser Welt hatte Lou Reed, geboren am 2. März 1942, auch seine Kindheit und Jugend verbracht: Sein Vater arbeitete als Steuerberater auf Long Island; als der Sohn 17 Jahre alt war, ließ er ihn einer Elektroschock-Therapie unterziehen, um ihn von seiner Homosexualität zu erlösen. Ohne Erfolg! Statt dessen verhalfen Lou Reed die Elektroschocks zu einer jahrzehntelangen Drogenabhängigkeit, die ihm immerhin die Einberufung nach Vietnam ersparte.
Die Experimentalfilmerin Barbara Rubin brachte Cale und Reed Mitte 1965 mit dem Experimental-impresario Andy Warhol zusammen, der sie wiederum mit der sehr gut aussehenden deutschen Sängerin Nico zusammenbrachte. Ihr erstes größeres Konzert absolvierten The Velvet Underground 1966 beim Jahrestreffen der Psychiatrischen Vereinigung der USA, die Warhol zu einem Festvortrag geladen hatte.  Statt dessen lief Barbara Rubin im Saal herum  und befragte die Psychiater aggressiv nach ihren sexuellen Praktiken. Kurz darauf begann auf der anderen Seite des Saals ein infernalischer Gitarren- und Bratschenlärm, zu dem Lou Reed mit artikuliert ausdrucksloser Stimme das Stück „Heroin“ intonierte – mit der zur Beschreibung von Lebensgefühlen bis heute gern herangezogenen Zeile: „Ich glaube, ich weiß es einfach nicht / ich glaube, ich weiß es einfach nicht“. – „Schocktherapie für die Psychiater!“, wie es danach in der Schlagzeile einer New Yorker Zeitung hieß
Man sieht schon: Lou Reed ist nicht nicht nur ein großer Dichter. Auch als Komiker hat er Talent; für die Entwicklung seiner Kunst sind nicht nur Elvis Presley, The Kinks und der Marquis de Sade wesentliche Inspirationsquellen gewesen, sondern nach eigener Auskunft auch die großen jüdischen Witzeerzähler der Sechzigerjahre wie etwa Lenny Bruce.
Für The Velvet Underground verfasste Reed sämtliche Texte und schuf jene eher traditionellen Song-Strukturen, die John Cale mit seinen dissonanten Stehtönen dann effektvoll zerbratschte.  Man konnte – und das war das Interessante daran – diese Musik aber auch genau andersherum hören: Dann eröffnete Cale mit seiner Bratschenmonotonie erst jene Freiheit, die Reed zu seinen moritatenhaft vorgetragenen Texten befähigte.  Gemeinsam bildeten sie jedenfalls  – in den wenigen Jahren, bevor ihre Beziehung an Rivalitäten zerbrach – eines der großen prägenden Duos der Popgeschichte. Eine Musik, die so primitiv war und zugleich so komplex, so glamourös gleichmütig und innerlich doch so erregt wie die ihre, hatte die Menschheit bis dahin noch nicht gehört.
Was die Menschheit indes wenig scherte. In ihrer ersten Daseinsphase Ende der 60er-Jahre waren The Velvet Underground kaum erfolgreicher als der Straußentanz. Die Band brach auseinander, Reed zog zunächst zurück zu seinen Eltern und dann zu David Bowie nach London, wo er sich – ganz nach Bowie-Manier – im Jahresrhythmus neu zu erfinden begann: als androgynen Songwriter und kecke Tunte im Fummel, als maskulines Rock’n’Roll-Tier und zylindertragenden Kabarettsänger. Mit „Walk On the Wild Side“ gelang ihm 1972 der erste Top-20-Hit der Popgeschichte, in dem Oralverkehr vorkommt. Mit der dazugehörigen LP „Transformer“ und den folgenden Platten „Berlin“ und „Sally Can’t Dance“ wurde er so erfolgreich, dass seine Plattenfirma ihn immer stärker nach neuen Hits drängte – bis er 1975 ein Doppelalbum mit vier Gitarrenrückkopplungsschleifen ablieferte. Nach „Metal Machine Music“ wurde Reed umstandslos aus seinem Vertrag entlassen.
So ist es mit ihm bis heute geblieben, durch alle Höhen und  Tiefen seiner Laufbahn hinweg, von dem  unglaublich lustigen 78er-Live-Album „Take No Prisoners“ über die unfassbar beknackten Theaterstücke, die er mit dem Kitschmeister Robert Wilson zu verantworten hat, bis zu  dem bizarren, aus dem letzten Jahr stammenden Doppel-Album „Lulu“, bei dem man nicht weiß, ob man weinen oder lachen soll, aber das auf äußerst interessante Weise.
Lou Reed ist ein lustiger Provokateur – und eine entsetzliche Nervensäge. In seinen nicht so guten Momenten ist er ein eitler, sich selbst überschätzender Künstler,  in seinen besten Momenten ein schmerzhaft-spartanischer, geradezu zärtlich sich selbst beschränkender Sänger. Einige der schlechtesten Konzerte, die ich jemals gesehen habe, sind Lou-Reed-Konzerte gewesen. Einige der größten Rocksongs, die jemals geschrieben wurden, stammen aus seiner Feder. Und außerdem erfand er den Straußentanz! Heute feiert Lou Reed in New York  seinen 70.  Geburtstag.

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