Elektrische Schafe träumen von Mariah Carey

Herrlich, diese Heliumstimmen! Sie singen Hihi und Hoho und kichern sich heiter  in hallende Chöre hinein; im Hintergrund wird ein keckes Mauslied gequiekt;  weit drunten murmelt ein  Damenbass in rhythmischer Weise bahuba-bahuba. Wer ist’s, der hier singt? Eine liedbegeisterte Roboterrunde? Darauf deuten die brockig zerschnarrten Stimmbilder hin. Dann aber schält sich aus dem Schnarren auch wieder laszives Hitparadenhauchen heraus, eine R’n’B-Stimme trillert und trillert. Gelegentlich wird gemäht und geblökt: Elektrische Schafe träumen von einem Auftritt mit Mariah Carey.
„Visions“ heißt dieses erstaunliche Album, das am morgigen Freitag erscheint; es stammt von der kanadischen Sängerin, Produzentin und Alleinunterhalterin Grimes. Es handelt sich hier um ein zum Nachdenken anregendes Werk der musikalischen Avantgarde! Und zugleich  um die tanzbarste und lustigste  Zuckerpopplatte, die man sich vorstellen kann. Alles, was man auf „Visions“ zu hören bekommt – das Hauchen, die Schafe, das Helium und das Schnarren – hat Grimes selber eingesungen, bearbeitet, moduliert und montiert. Sie singt mit sich selber im Chor und in Chören; sie nutzt ihre Stimme als Rhythmusgeber und als Material für gesampelte Melodien; sie zerstößt einzelne Silben zu Staub und wirft den Silbenstaub dann wie glitzernde Sterne über ihre sogleich sich im Ohr verhakenden Songs.
Grimes heißt eigentlich Claire Boucher und ist 23 Jahre alt. Ihre Karriere hat sie vor zwei Jahren als dunkel-melancholische Witch-House-Diva begonnen. Auf ihren ersten beiden Platten „Geidi Primes“ und „Halfaxa“ ließ sie hemmungslos die Gespenster heulen und die frisch entleibten Jungfrauen ächzen. Mit ihrem ätherisch körperlosen Klang passte Grimes hervorragend in das damals grassierende Gothic-Revival und den Trend zum Zeitlupenpop. Ähnlich wie etwa bei Salem oder oOoOO, fand sich  in ihren vernebelten, verlangsamten Liedern die neue Müdigkeitsgesellschaft gut widergespiegelt.
Von diesem Müdigkeits- und Geisterpop der letzten Saison unterscheidet sich „Visions“ nun deutlich. Zwar gibt es auch hier noch  allerlei Hall zu hören, doch die Erschlaffung, die Unschärfe, das Unbehagen sind plötzlich einer lebendigen Klarheit gewichen. Die nostalgische Trägheit in der Musik, die spätestens mit der rundum sedierten Lana Del Rey  unausstehlich und reaktionär wurde, ist bei Grimes einem vollständig selbstbestimmten hyperaktiven Zitatpop gewichen.  In der Selbstverständlichkeit, mit der sie sich aus allen nur denkbaren Epochen und Stilen, Rhythmen und Rollenmodellen bedient, steckt dabei nichts Eklektisches mehr. Vielmehr handelt es sich um die  zeitangemessene Erscheinung von musikalischer Virtuosität: Der Geisterhall ist hier ein Instrument unter vielen, ebenso wie die Stimme, die Beats, die Disco-Zitate, die leiernden Keyboardmelodien, das kosmische Arpeggiengeglitzer. Und das geisterhafte Gehauche, das Grimes immer noch mit großer Kunstfertigkeit pflegt.
Auch auf dieser Platte werden noch die Geister gerufen: die Geister  der Vergangenheit und  des ewigen Sehnens. Doch wenn sich die Geister  hier nach etwas sehnen, dann ist es die Rückkehr in einen Körper! „Be A Body“   heißt denn auf „Visions“ auch das schönste Stück, leicht wiederzuerkennen durch den gewaltig sich aufpumpenden Eurotrashbeat. Fabelhaft, wie Grimes dazu mühelos aus dem abstrakten Gothic-Gehauche in laszives Disco-Stöhnen zu wechseln versteht: Zola Jesus und Donna Summer sind hier nur einen Wimpernschlag voneinander entfernt. Wer will denn auch ewig im Äther wimmern? Lieber hätte man ja mal wieder richtigen Sex.

Grimes: Visions (4AD/Beggars/Indigo); Konzert: 25.5., Berghain

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