Pferdezucht und Fahrradhelm

Zu drei interessanten Konzerten mit ehemaligen oder aktuellen Superstars der britischen Popmusik ist es am Wochenende in Berlin gekommen; ein schöner Anlass für einen kleinen Rundgang durch die Konzertsäle und Clubs der Stadt.
Freitag, 21 Uhr,  Schmeling-Halle
Das Wochenende beginnt am Freitagabend um neun in der Max-Schmeling-Halle in Prenzlauer Berg, wo Noel Gallagher’s High Flying Birds musizieren. Deren Bandleader  war mit seinem Bruder Liam bei der besonders in den 90er-Jahren beliebten Gruppe Oasis beschäftigt. Damals wie heute bietet Gallagher einen mittelflotten Gitarrenrock mit gelegentlichem Orgelgetüt dar. Im Hauptteil des Konzerts spielt er vor allem Stücke von seinem neuen Album, in den Zugaben werden Oasis-Oldies geboten. Die Begeisterung für mittelflotten Gitarrenrock mit gelegentlichem Orgelgetüt war schon einmal größer, die Max-Schmeling-Halle ist an diesem Abend jedenfalls nur locker gefüllt. Das hintere Drittel der Halle habe ich anfangs für mich allein. Später gesellt sich noch der Radio-Eins-Moderator MC Lücke mit einer Begleitung dazu, damit sind wir im hinteren Drittel der Halle drei. Die Menschen weiter vorne werfen unentwegt halbgefüllte Bierbecher zur Bühne, so dass man die darauf herumstehenden Musiker zumeist nur durch einen Sprühbierrregen erkennt. Wegen der  hohen Wurffreudigkeit der Gallagher-Fans wird das Bier an diesem Abend auch nur in dünnwandigen Plastikbechern verkauft, es soll sich beim Musizieren keiner verletzen. Gallagher selbst wirkt mit seiner fahrradhelmartigen Frisur, dem starren Blick und dem geringen Repertoire an Körperbewegungen wie ein Playmobilmann Marke „Bauarbeiter“; man wartet darauf, dass er sich eine Warnweste überwirft und mit Ausbesserungsarbeiten an der Bühne beginnt. Ausgebessert werden müsste vor allem der Sound: Ab dem ersten Song kommt es mir so vor, als hätte ich Stöpsel aus Wachs in den Ohren. Doch so ausgiebig ich beim Betrachten der bewegungslos vor sich hinschrammelnden Band auch in meinen Gehörgangen pule, es will sich darin kein Stöpsel finden. Das Gefühl rührt tatsächlich von der miserablen Akustik her: Als das Konzert beendet ist, höre ich wieder ganz klar.

 

Sonnabend, 4.30  Uhr, Berghain
Ein paar Kilometer weiter südöstlich findet ein paar Stunden später der nächste Traditionsmusikabend statt; im Berghain präsentiert das Techno-Label R&S Records seine neuesten Kollektionen. R&S gibt es fast 30 Jahre und damit zehn Jahre länger als  Oasis; das Label wurde 1984 im belgischen  Gent gegründet und etablierte sich um 1990 herum mit Künstlern wie Model 500 und Aphex Twin.  Mit den daraus erzielten Einnahmen begründete der erste Label-Chef Renaat Vandepapeliere eine erfolgreiche Pferdezucht und vernachlässigte über dem Reiten das Tanzen. Seit neuestem  ist R&S in London zuhause und  befasst sich vor allem mit den modernen Spielarten des Post-Dub-, Blub- oder Pop-Step; so erschienen 2010 hier die ersten Platten des inzwischen zum Was-auch-immer-Step-Wunderknaben aufgestiegenen, wegen seiner konservatoriumsschülerhaften Gesamterscheinung freilich kontrovers diskutierten James Blake. Sein Auftritt als DJ macht den R&S-Abend jedenfalls zum munteren Massenereignis. Die Schlange vor dem Haus ist selbst für Berghain-Verhältnisse gewaltig, sie reicht hunderte von Metern weit über den ohnehin schon langen Zuweg zum Club hinaus. Um 4.30 Uhr beginnt Blake, der neuerdings eine kunstvoll verschnittene Wuschelfrisur trägt, mit dem DJ-Programm. Wie auf seinen Platten, verlangsamt und zerlöchert er konventionelle musikalische Formen – etwa lieblichen Lover’s Rock aus Jamaika, aber auch grantigen Grime aus Großbritannien – und grundiert sie mit ganzkörperergreifenden Bässen; immer wieder kommt die Musik aber auch in stotternden Stimmschnipselchören zum minutenlangen Stillstand. Oder anders gesagt: Was James Blake im Berghain als Tanzmusik auflegt, ist zu wesentlichen Teilen untanzbar. Das hindert seine Verehrer allerdings nicht daran, sich mit immer wieder neuen Körperbewegungskonzepten um Anschluss an die Musik zu bemühen.

 

Sonnabend, 20 Uhr, C-Halle
Ein paar Kilometer weiter südwestlich geht ein paar Stunden später das Konzertwochenende mit dem Auftritt von Gordon Sumner alias Sting zu Ende. Dieser wurde in den Siebzigerjahren als Bassist und Kehlkopfobertonsänger in der minimalistischen Postpunk-Gruppe The Police bekannt; in späteren Soloprojekten entwickelte er eine Art humanistisch geprägten Jazzpop für Hörer mit Anspruch. In seinem neuen „Back to Bass“-Programm möchte Sting nach eigener Auskunft nun aber wieder die ganze Kraft seines Basses demonstrieren! Wer am Sonnabend in der C-Halle steht und kurz vorher noch die Bässe von James Blake erlebte, fragt sich indes, was Sting in diesem Zusammenhang mit „Kraft“ meinen könnte. Doch egal, denn mit den mitklatschfreundlichen Rhythmen seiner kompetent vor sich hin schunkelnden Gruppe kann man, auch wenn man noch sehr müde vom Vorabend ist, angenehm und ohne sich weiter aufregen zu müssen in die nächste Nacht gleiten.

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