Interview mit dem Der Graf

Er ist der erfolgreichste deutsche Musiker der Gegenwart: Über 1,8 Millionen Stück hat der mysteriöse Kinnseitenbartträger Der Graf von seinem letzten Album „Große Freiheit“ verkauft –

ein überraschender Erfolg, denn in den zehn Jahren seiner vorigen Karriere hatte Der Graf sich nur in der musikbegeisterten, aber zahlenmäßig überschaubaren Gothic-Szene bewegt. Jetzt wird ihm vom breiten Publikum wie einem Heilsbringer gehuldigt: Als er neulich im Leipziger Hauptbahnhof eine Autogrammstunde gab, musste wegen des Andrangs die halbe Innenstadt abgesperrt werden. Am Freitag erscheint sein neues Album „Lichter der Stadt“.

 

Herr Graf, danke, dass Sie Zeit für mich haben.

Danke, dass Sie Zeit für mich haben! Und dass Sie gekommen sind! Das ist
nämlich meine erste Interviewreise.

Gab’s die bei früheren Platten nicht?

Ach nein, da war das Interesse nicht so groß bei den Journalisten, die
wussten nicht: Was ist dieses Unheilig eigentlich? Allenfalls hat man für
die Fanzines aus der Gothic-Szene mal ein paar Sachen per Telefon gemacht
oder per E-Mail.

Apropos Gothic-Szene. Bei mir zu Hause läuft Ihre Musik ständig…

…ach ja?

Meine Kinder stehen nämlich total auf „Geboren um zu leben“. Allerdings im
Schlümpfe-Remix.

Im Schlümpfe-Remix? (Kurze Pause.) Ach ja, oh je, ach so, stimmt, der
Schlümpfe-Remix…

„Geboren um zu schlumpfen“! Meine Tochter hört das rauf und runter.

Das tut mir sehr leid!

Wie stehen Sie zu den Schlümpfen?

Ach, ich find das gar nicht schlimm. Ich hab selber keine Kinder, aber ich
hab zwei Patenkinder, und ich weiß, wie die auf die Schlümpfe abfahren. Das
Lied ist ja als Hommage an einen verstorbenen Freund geschrieben und hat
insofern einen sehr ernsten Hintergrund. Aber wenn man damit ein paar Kinder
zum Lachen und Strahlen bringen kannst: warum nicht?

Sie haben auch sonst viele Fans unter den Kindern.

Ja, und die kommen bei uns unter 10 Jahren auch kostenlos in die Konzerte.
Es gibt ein Kinderland mit Karaoke, mit Singen, Basteln und Sport. Das
gehört bei Unheilig einfach dazu.

Das erste Unheilig-Konzert, das ich gesehen hab, war im K17, einem
Gothic-Club hier in Friedrichshain…

…oh, das ist aber lange her. Da haben wir zusammen mit Terminal Choice
gespielt, glaub ich…

…aus dem K17 bis zu den Schlümpfen ist es jedenfalls ein weiter Weg. Wann
haben Sie das erste Mal gemerkt, dass Sie jetzt nicht mehr auf der K17-Seite
stehen, sondern auf der Schlumpf-Seite?

2008, nach „Puppenspiel“, der vorletzten Platte. Da war ich nach acht Jahren
in der Szene soweit angekommen, dass ich bei Festivals als Headliner gebucht
wurde, dass ich Platten verkaufte, dass ich halbwegs davon leben konnte. In
den Charts war ich aber immer noch nicht, und eine Goldene Schallplatte
hatte ich auch nicht an der Wand. Da hab ich erstmals ernsthaft ans Aufhören
gedacht, ich wusste einfach nicht, ob ich das auf dem Level noch lange
durchhalten würde, ob mir auch in Zukunft genug einfallen würde, um diesen
moderaten Erfolg fortzusetzen… na, glücklicherweise hab ich ja dann doch
weitergemacht.

Dann kam der Erfolg von „Große Freiheit“.

Ja, und der kam wirklich aus dem Nichts. In der ersten Woche waren wir auf
Platz 1 der Charts, das konnte ich mir noch erklären, weil die ganzen Goths
sich gleichzeitig das Album gekauft haben. Aber dann sind wir in den
nächsten Wochen auf Platz 1 geblieben und wurden sogar – das war mir
wirklich noch nie passiert – im Radio gespielt. Und im Fernsehen: Ich wurde
in Talkshows eingeladen!

Sie sind in der Carmen Nebel Show aufgetreten.

Ja, und bei Charity Auftritten für den guten Zweck, das war ja immer mein
Wunsch, mit meiner Musik Gutes zu tun. Wir wurden durch „Geboren um zu
leben“ von Krankenhäusern angeschrieben, ob wir nicht vielleicht ein
Pianokonzert auf einer Kinderkrebsstation spielen können. Wir sind von
Menschen in Hospizen angeschrieben worden, die mich persönlich nochmal
treffen wollten, bevor sie sterben, weil meine Musik ihnen auf dem Weg, den
sie jetzt gehen, hilft.

Aber ist das nicht schwierig? Man kann ja nicht zu jedem gehen, der einem
schreibt.

Doch. Wir haben alles gemacht. Wir sind zu jedem gegangen, der uns darum
gebeten hat. Aber es stimmt, irgendwann ist man an dem Punkt, an dem man
nicht mehr weiterkann, dafür ist das emotional zu intensiv. Wenn man aus so
einem Hospiz herauskommt, kann man ja nicht – klick klack – die Tür hinter
sich zumachen und zur Tagesordnung übergehen. Darum hab ich noch während der
Tour angefangen, an dem neuen Album zu schreiben – um diesen Druck
loszuwerden. Wir haben ein portables Studio mitgenommen, zwei Boxen, ein
Laptop, ein Keyboard. Und in jeder freien Minute, backstage, im Bus, im
Hotelzimmer, da habe ich Musik gemacht und mir alles von der Seele
geschrieben. Wissen Sie, ich kam mir in der Zeit ja vor wie der Junge vom
Land, der in die Großstadt kommt und nur noch staunt: Boah, ist das bunt.
Soviel Lichter hier.

Darum heißt das neue Album also „Lichter der Stadt“: Es ist autobiografisch
zu werten.

In den Liedern spiegeln sich die Stationen meines Lebens in den letzten zwei
Jahren wider. „Ein guter Weg“ ist inspiriert worden durch die Konzerte in
den Hospizen und den Kinderkliniken. Den „Eisenmann“ hab ich geschrieben,
weil ich mir eine Rüstung gegen meine Angst wünschte. Ich bin ein Mensch,
der sehr sensibel ist, und ich habe mein Leben lang gestottert…

…nicht bei diesem Interview, jedenfalls bisher nicht…

…ja, es gibt gute Tage und es gibt schlechte Tage. Aber wenn ich zum
Beispiel im Fernsehstudio bin und die Scheinwerfer sind auf mich gerichtet,
dann habe ich immer noch große Angst hängenzubleiben. Davon handelt der
„Eisenmann“! „Unsterblich“ und „So wie Du warst“ hab ich für meine Familie
geschrieben, weil ich die vermisst habe, als ich immer unterwegs war.

Es gibt auf der neuen Platte einige Stellen, die in Unheilig-untypischer
Weise nach Stadionrock klingen, mit hymnischen U2-Gitarren undsoweiter…
Hat sich durch die gewandelte Konzertsituation – die größeren Hallen, die
größeren Mengen an Menschen – auch Ihr Ansatz beim Komponieren verändert?

Natürlich wirkt das zurück. Wenn man eine positive Bestätigung erhält, wird
man mutiger – das wird Ihnen beim Schreiben von Artikeln genauso gehen. Und
wenn man auf den großen Bühnen merkt, dass etwas gut funktioniert, dann
arbeitet man weiter in dieser Richtung. Auf dem neuen Album gibt es sogar
ein Stück, „Tage wie Gold“, für das wir Konzertbesucher als Chor aufgenommen
haben: Ich hab den Text von dem neuen Stück auf die Leinwand projiziert und
die Menge dann dirigiert, und jetzt sind die auf dem neuen Album zu hören.
Ist doch toll!

Sind die Musiker, mit denen Sie touren, eigentlich die selben, die auf der
Platte zu hören sind?

Nein, das ist völlig getrennt. Die Musiker, mit denen ich toure, sind reine
Live-Musiker. Und im Studio werden dann je nach Bedarf und je nach Produzent
die passenden Musiker angeheuert.

Das heißt, so etwas wie einen Band-Zusammenhang gibt es bei Ihnen nicht?

Bis 2003 war Unheilig eine Band, mit lauter gleichberechtigten Musikern…
Katastrophe! Ist nicht meine Welt! Hat überhaupt nicht funktioniert. Das
liegt auch daran, dass ich kein einfacher Mensch bin. Wenn ich mit jemandem
gleichberechtigt zusammenarbeite, dann erwarte ich auch, dass der genauso
für die Sache brennt wie ich. Wenn ich mich mit Leuten treffe, um Musik zu
machen, dann will ich Musik machen. Und nicht fernsehen. Oder mittags um
zwölf schon mal ein Bier aufmachen.

Wie ist nun aus den Songs, die Sie während der Tour komponiert haben, das
fertige Album geworden?

Ich bin mit den Demo-Versionen zu meiner Plattenfirma gegangen und hab sie
gebeten, mir die Produzenten zu vermitteln, die zu den jeweiligen
Stilrichtungen passen. Zum Beispiel „Lichter der Stadt“ oder „Wie wir waren“
– die hat Roland Spremberg produziert, weil ich dachte, das Stück hat so
einen Coldplay- oder a-ha-Touch, und Spremberg hatte das letze a-ha-Album
produziert. So wurden es insgesamt vier Produzenten, und es gab am Ende ein
wirklich großartiges Treffen, bei dem alle vier sich die Songs vorgespielt
haben und einander dann Verbesserungsvorschläge machten. Da bin ich meiner
Plattenfirma nachwievor sehr dankbar, dass sie das organisiert hat.

Sie bereuen es also nicht, dass Sie zu einem Major Label gegangen sind?

Auf keinen Fall.

Sie haben aber schon ziemlich gezögert, bevor Sie den Vertrag bei Universal
unterschrieben.

Ja, klar. Universal kamen wegen des  Erfolgs von „Puppenspieler“ auf mich
zu, aber ich wollte nicht. Ich hatte nur Schlechtes gehört. Du darfst nicht
mehr tun, was Du willst, hieß es; Dir wird diktiert, wie die Musik zu
klingen hat. Darum hab ich immer abgelehnt, aber die von Universal waren so
hartnäckig, dass ich am Ende gesagt habe: Gut, aber nur, wenn ihr mir
schriftlich gebt, dass ich in meiner Musik immer das letzte Wort haben
werde. Danach hat sich gezeigt, dass die Befürchtungen alle unbegründet
waren. Im Gegenteil, ich hab bei Universal viele Leute getroffen, die mir
sehr geholfen haben, bei der Umsetzung meiner Ideen, bei der Auswahl der
Produzenten und so. Und der Erfolg gibt mir ja auch irgendwie Recht.

Verfolgen Sie denn noch, was in der Gothic-Szene passiert?

Ja, es gibt immer eine Szene-Band, die ich mit auf Tour nehme. Um meine
Wurzeln zu zeigen. Aber auch, um Bands, die ich gut finde, eine Chance zu
geben. Zum Beispiel Mono Inc., die ich bei der letzten Tour als Support
hatte: Die gibt es schon seit zehn Jahren, eine sehr gute Band, die aber in
der Szene immer verkannt wurden. Jetzt haben sie ihre nächste Tour auch
ausverkauft. So soll das sein! Jetzt nehmen wir Staubkind mit, eine tolle
Band aus Berlin, deren Sänger Louis ich schon seit seinen ersten Auftritten
kenne.

Was denken Sie über die Szene im Ganzen?

Sie könnte gut etwas Bewegung gebrauchen. Die Line-Ups, die wir derzeit bei
den Festivals haben, sind die gleichen wie vor sechs Jahren. Man findet
immer die gleichen, lange schon bekannten Headliner – dabei gibt es so viele
tolle junge Szene-Bands, denen man eine Chance geben sollte. Da versuche
ich, meinen Teil beizutragen. Aber: Du musst diese Chance dann eben auch
nutzen, wenn Du sie bekommst. Du musst überall auftreten, wo sich die
Gelegenheit bietet – und wenn es bei Carmen Nebel ist. Du musst fleißig,
diszipliniert und zielstrebig sein, und Du musst das, was Du tust, gerne
tun. Dann kriegst Du irgendwann Erfolg.

Das Gespräch führte Jens Balzer.

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Ein Gedanke zu “Interview mit dem Der Graf

  1. der herr verteilte hirn und stil
    und hatte es sehr eilig
    drum übersah er manches ziel
    ein beispiel sind unheilig

    mit deppenbart und gruftiflair
    und pathos frisch von aldi
    treibt er im mittelmäßigmeer
    und hält sich für vivaldi

    gebaut aus schleim, bekannt als graf
    wer kommt, ihn zu entschärfen?
    wer hört den quatsch: hund? katze? schaf?
    geboren um zu nerven