Shakespeare-Exzesse im Nonnenkloster

Hallihallo, liebe Leser, und herzlich willkommen zur Popkolumne der Berliner Zeitung, und zwar in einer vollständig neuen, nach allen Regeln der modernen Zeitungsphilosophie überarbeiteten und auf das Niveau des 21. Jahrhunderts gehobenen Form. Doch egal, auch in Zukunft sollen Sie an dieser Stelle in gleichermaßen poptheoretisch fundierter wie serviceorientierter Weise über das aktuelle Berliner Musikleben informiert werden, was heißt, dass die leitenden Fragen auch weiterhin lauten werden: Welche Konzerte kann man in der kommenden Woche besuchen? Und welche Clubs werden in der kommenden Woche gentrifizierungsbedingt geschlossen?

Zunächst zum gentrifizierungsbedingten Clubsterben: Es ist vorübergehend ins Stocken geraten! So hat zum Beispiel in Prenzlauer Berg schon seit mehreren Wochen keine Institution des Berliner Nachtlebens mehr schließen müssen, was wesentlich daran liegen könnte, dass es im Prenzlauer Berg keine Institutionen des Berliner Nachtlebens mehr gibt. Abgesehen von der 8mm Bar in der Schönhauser Allee, die bislang noch von keinem habgierigen Investor bedroht worden ist, was den Betreibern der Bar das Gefühl verleiht, von den aktuellen Entwicklungen in der Stadt irgendwie abgehängt worden zu sein. Trotzig haben auch sie jetzt per Facebook schon mal zu ihrer gentrifizierungsbedingten Abrissparty eingeladen: am Sonntag, den 30. 11. 2014, um 20 Uhr. Da geh ich hin!

Auf keinen Fall geh ich hingegen zu Rufus Wainwright: Er ist heute um 20 Uhr im Konzertsaal der Universität der Künste in der Hardenbergstraße zu sehen. Bis zirka zum Jahr 2005 war Rufus Wainwright der tollste, talentierteste und bestaussehende Songschreiber, Sänger und Stripteasetänzer der westlichen Welt! Denk’ ich an seinen Auftritt in der Passionskirche, treten mir immer noch Tränen des Glücks, der Sehnsucht und der Leidenschaft in die Augen. Dann freilich fiel er in die Hände des Theaterkitschmeisters und berüchtigten Poptalente-Verderbers Robert Wilson und vertonte mit ihm Shakespeare-Sonette! Ein Schaffensknick, von dem sich Rufus Wainwright nie wieder erholt hat. Bei seinem letzten Berliner Konzert vor zwei Jahren schlich er in einer Dracularobe mit zehn Meter langer Schleppe vors Publikum und knödelte weihevoll einen konturlosen „Songzyklus“ herunter. Schlimm! Nicht viel besser ist leider auch die neue Pop-Platte „Out of the Game“, die er mit dem Allzweck-Retro-Produzenten Mark Ronson im Stil des Siebzigerjahre-Erwachsenenrock aufgenommen hat. Darin klingt Wainwright nun, als habe sich ein Shakespeare-Sonett-Sänger in einen Hall-&-Oates-Song verirrt.

Nein nein nein, liebe Leser, wenn Sie heute Abend irgendein Konzert besuchen wollen, dann gehen Sie lieber mit mir in die Berghain Kantine zu Chelsea Wolfe! Hierbei handelt es um eine hervorragende kalifornische Sängerin, die gerade ihr zweites Album herausgebracht hat. Es heißt „Apokalypsis“ und klingt auch so, weil Chelsea Wolfe sich in gleichermaßen religionsgeschichtlich fundierter wie serviceorientierter Weise als vom Satan besessenes und in Zungen redendes Hippiemädchen zu inszenieren versteht. Auf dem Cover der Platte (siehe oben) wirkt sie mit Diadem an der Stirn und geweißten Pupillen, als befände sie sich mitten in einem anregenden Exorzismus; auch die dazugehörige Musik klingt in etwa so, als sei PJ Harvey in einen traditionellen italienischen „Perverse Exzesse im Nonnenkloster“-Gruselporno geraten. Bodenschwerer Gothic-Blues wird mit rückwärts laufenden Teufelsstimmen und wolfsmädchenhaftem Geheule bestrickt – ein Ereignis, das Sie nicht verpassen sollten! Gerade auch für lokalpatriotische Leser der Berliner Zeitung ist diese Musik von Interesse: Der düsterste Blues auf dem Album heißt „Friedrichshain“.

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2 Gedanken zu “Shakespeare-Exzesse im Nonnenkloster

  1. Hallo lieber Jens Balzer,
    es freut mich sehr wieder etwas von Ihnen zu hören/lesen. Danke für die wunderbare Chelsea Wolfe-Empfehlung!
    Liebe Grüße
    halfmute