Hinfort, ihr Dämonen, hinfort

Zu einer jahreszeitlich außerordentlich gut passenden sowie zauberhaft anzuhörenden Austreibung der letzten Winterdämonen ist es am Mittwochabend in der Berghain Kantine gekommen; hier  gab die unter Zaubereifreunden bereits viel gefeierte Dämonenaustreiberin Chelsea Wolfe ihr Berlin-Debüt.
Vor kurzem hat sie ihre zweite Platte „Apokalypsis“ auf dem New Yorker Pendu Sound Label herausgebracht; zu ihren Labelkollegen gehören unter anderem die Düsseldorfer Schlockhorrorstilisten Mater Suspiria Vision oder aTelecine, das finstere Industrialtrio des ehemaligen Hardcore-Porno-Stars Sasha Grey. Auch Chelsea Wolfe kokettierte  bislang gern mit der Gothic-Ästhetik. Für das Cover ihrer ersten Platte „The Grime and  the Glow“ ließ sie sich an einem lichtlosen Tag als vollverschleierte Gruselmume fotografieren; auf dem Cover von „Apokalypsis“ zeigt sie sich als innerlich wohl weitgehend weggetretene Hippie-Okkultistin mit geweißten Pupillen, wozu das Eröffnungsstück „Primal/Carnal“ mit rückwärtslaufender Grunzgrundierung und nach vorne strebendem verzerrten Kreischen auch den besten Klangspiegel bietet.
Ist sie  nach Fever Ray, Zola Jesus und Gazelle Twin also lediglich die nächste neue Gothic-Diva? Mitnichten! Das erwies sich schon beim wachen Weiterhören des zweiten Albums, noch deutlicher wurde es im Konzert.  Hier zeigte  Chelsea Wolfe sich mit klassischer Rockband-Besetzung als erstaunlich bluesgefärbte, gleichermaßen erdschwer wie leidenschaftlich entschlossen intonierende Gesangsvirtuosin; im Fach des melodisch hingezitterten Liebeslieds brillierte sie ebenso wie im dramatischen Tremolo zur zürnend geschredderten Gitarre.
Das war toll! Und erinnerte weniger an Siouxsie Sioux als vielmehr an die junge PJ Harvey oder  den älteren Gothic-Blues von Jeffrey Lee Pierce und dem Gun Club – letzteres vor allem in der Weise, in der Chelsea Wolfe aus einsam verhallten Gitarrenakkorden sonderbar windschiefe Riffs zu entfalten verstand; eine kalkuliert sich an allen Refrains vorbei schleppende Musik, über der ihre Stimme nur umso plastischer in Erscheinung trat.
Von den elektronischen Klängen des ersten Albums ist wenig übrig geblieben; nur manchmal pluckerte noch eine Beatbox oder schnarrte  aus dem Laptop ein schrilles  Schaben. Was nicht heißt, dass hier irgendeine Art naiver Folkrock-Natürlichkeit gepfelgt worden wäre. Zu  konsequent war dazu die Weise, in der Wolfe zugleich ihre Stimme zum Material und zum Instrument machte: In dem Stück „Movie Screen“ etwa stöhnte und winselte sie  mit zwei Mikrofonen, diversen Filtern und Loops erst einmal einen vollwertigen Geisterchor zusammen, um diesen dann – und das heißt: sich selbst – singend niederzuringen.
So war es durchweg: Was an Gothic-Elementen in dieser Musik noch verblieben war – das diffus Drohende und körperlos Unbehagliche –, war nur verblieben, um verscheucht zu werden. Im Dunkeln entzündete Chelsea Wolfe ein Licht; ihren Hörern schenkte sie Hoffnung und Heiterkeit.

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