Der letzte Schrei aus der Retrohölle: Alabama Shakes

Ich weiß auch nicht, was man jetzt nochmal so revivalen könnte. Disco? Punk? Postpunk? Progrock? Softrock? Ostrock? Jazzrock? Schlager? Barry Manilow? Jethro Tull? Rudi Schuricke? Bap? Geht nicht, alles gerade erst dagewesen oder noch nicht wieder weg im rasenden Reigen der Retromoden. Kein Stil, keine Band, kein Künstler ist zu abseitig, zu gestrig, zu überholt oder zu doof, um nicht doch noch zum Gegenstand eines Revivals zu werden.Die Hyperbeschleunigung der Trends und Hypes in Zeiten der digitalen Musikdistribution hat ja gerade nicht zu einem innovationsseligen Hypermodernismus geführt, sondern vielmehr zum wildesten Wuchern der Archivkultur. Selbst was neu ist, gibt sich gerne als gestrig aus, um in der Epoche der Retromania nicht unangenehm aufzufallen. So wird neuerdings auch gern das Revival von Trends ausgerufen, die es in der dafür veranschlagten popmusikalischen Epoche niemals gegeben hat: wie etwa das Revival des „Cold Wave“, eines angeblich Ende der Siebzigerjahre in Belgien gepflegten Elektropopstils, an den sich allerdings niemand, der Ende der Siebzigerjahre tatsächlich belgischen Elektropop hörte, auch nur entfernt erinnern kann.
Wie lange wird das noch so weitergehen? Das ist eine von den beiden Fragen, die in diesem Zusammenhang schon seit längerem im Raume schwebten. Die andere lautet: Wie lange wird es noch dauern, bis jemand den blutjungen Revivalhipstern aus aller Welt sogar einmal sumpfigen Southern Rock mit Bluesgitarre und Reibeisenstimme als die neuste Retromode und mithin den heißesten Scheiß der Gegenwart anzudrehen vermag?
Am Freitagabend war es soweit. Im ausverkauften Magnet Club an der Falckensteinstraße bejubelten ein paar hundert blutjunge Hipster das aus Athens, Alabama, kommende Southern-Rock-Quartett Alabama Shakes, das hier erstmals sein Debütalbum „Boys and Girls“ präsentierte; darauf finden sich elf sumpfige Southern-Rock-Stücke mit Bluesgitarre und Reibeisenstimme sowie einer gelegentlich groovend darunter hervorquiekenden Schweineorgel. Bis vor kurzem, also etwa bis Donnerstag letzter Woche, wurde Musik dieser Art vor allem von älteren Männern mit grauen Gesichtern und knittrigen Leder- oder gar Wildlederhosen gehört; die meisten von ihnen drehen mit ihren vergilbten Fingern gern Feinschnitttabak der Marke „Drum“ und besuchen regelmäßig Bluesrockkonzerte in eigens dafür umgebauten brandenburgischen Bahnhofsgaststätten. Im Magnet Club fanden sich neben den hunderten blutjunger Hipster tatsächlich auch zirka zehn Vertreter dieser Original-Southern-Rock-Hörerschaft. Diese lehnten etwas ratlos am hinteren Ende des Tresens und fragten sich, warum sie beim Hören ihrer Lieblingsmusik nun plötzlich von  italienischen Austauschstudenten umgeben waren, die trotz des brüllenden Southern-Rock-Lärms pausenlos in ihre Mobiltelefone plapperten.
Die Band war übrigens gar nicht so schlecht. Ihre Sängerin Brittany Howard verfügt über eine ausgesprochen charismatische, voluminöse, in den dunklen Registern leicht schmirgelnde Stimme; der Musikjournalismus älterer Schule hat dafür das schöne Wort Rockröhre erfunden.  Wenn sie sich beim Singen besonders aufregte, stampfte sie mit ihren Beinen in hoher Geschwindigkeit auf der Stelle herum wie bei einer Zeitrafferkneippkur und fuchtelte mit den Armen wie Joe Cocker; dazu steigerten sich ihre drei Mitmusiker mit schreiender Gitarre und schepperndem Schlagzeug immer wieder in schöne Krachstrecken hinein. Wenn die Band groovte, reagierten die blutjungen Hipster im Saal sogleich mit improvisierten Paartänzen darauf; an diesen Stellen war das Konzert freilich kaum noch von herkömmlöichen Schlager-Move-Partys zu unterscheiden: Brittany Howard und die Orthopädischen Strümpfe!
Stilistisch in ähnlicher Weise fragwürdig war die Erscheinung des Bassisten Zac Cockrell: Er verbarg sein Gesicht hinter einem buschigen Rauschebart und einer tief in die Stirn gezogenen Schiebermütze. Überhaupt hatten sich trotz der sommerlichen Hitze im Saal auffällig viele Junghipster mit Schiebermützen bekleidet, eine Mode, die mir persönlich noch beknackter erscheint als das an dieser Stelle schon häufig beklagte Wollmützentragen.

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