O oder nicht O, das ist hier die Frage

Zu den seltsamsten Platten, die in den vergangenen Wochen in dieser Redaktion eingetroffen sind, gehört zweifellos „Time Capsules II“, das Debütalbum des blutjungen Brooklyner Indie-Pop-Hipsters Brad Oberhofer. Darauf finden sich zehn mit allen möglichen instrumentalen Mitteln, mit Xylophon, Cello, Violine, Oboe und sonstigem Orchesterklangpipapo zu monumentaler Größe emporgepumpte Nichtstu-, Herumhäng- und Herumjammerlieder eines an sich selbst und der modernen Zeit leidenden jungen Mannes. Dermaßen alt scheint dieser junge Mann sich zu fühlen, dass er seine ereignislosen Tage zumeist damit verbringt, melancholisch jene verflossene Vergangenheit zu ersehnen, in der man etwa Mädchen, in die man verknallt war, noch nicht auf dem Mobiltelefon anrufen musste, sondern auf einem Festnetzgerät: „Landline“ heißt das entsprechende Lied. War das nicht irgendwie schöner als heute? Ja? Nein? Egal! Hauptsache, es ist lange her.
Nostalgischer Gegenwartsüberdruss gehört bei musizierenden Mittelschichtskindern ja schon länger zum guten Ton, in der Regel freilich äußert sich diese Verfassung in passend verwaschenen, diffus verunklarten Klangbildern. Das war auch noch auf den ersten Songs so, die man vor anderthalb Jahren von Oberhofer zu hören bekam. Für sein Debütalbum hat er nun allerdings Steve Lillywhite als Produzent engagiert. Die älteren unter unseren Lesern werden sich noch erinnern: Anfang der Achtzigerjahre sorgte Lillywhite für den anabolisch aufgeblasenen Klang der frühen U2, mittleren Simple Minds und Rolling Stones aus der „Dirty Works“-Phase; eine  Musik, bei der alle Pegel stets sinnlos im roten Bereich zu flackern schienen.
Inzwischen ist Steve Lillywhite nicht nur „Commander of the Order of the British Empire“, wie wir im Booklet von „Time Capsules II“ erfahren, sondern auch 57 Jahre alt. Mit dem 21-jährigen Oberhofer hat er  eine Art ADHS-artig dauererregte Hochgeschwindigkeits-Slacker-Platte aufgenommen – ein Zwei-Geschwindigkeits-Power-Pop, hinter dessen altertümlicher Fassade in umso befremdlicherer Weise die Echos der neuesten Avantgarde zu vernehmen sind. Im Eröffnungsstück „Heart“ etwa  singt Oberhofer mit jener glucksenden, leicht kehligen Kopfstimme, wie sie  auch von dem Großpsychedeliker Panda Bear und seiner Band Animal Collective gepflegt wird. Zudem imitiert er Panda Bears wellenhaft auf- und abschaukelnden Gesangsgestus – der im Original allerdings noch von ebenso auf- und abschaukelnden Echo- und Halleffekten begleitet wird. Bei Oberhofer hingegen bollert darunter eine Armada von Qualitätsinstrumenten, als habe sich ein Narkoleptiker in eine Coldplay-Komposition verirrt.
Beknackt! Aber irgendwie auch interessant. Weitaus interessanter jedenfalls als das Konzert, das Brad Oberhofer am Sonntagabend im Comet Club absolvierte. In einer vierköpfigen Band spielte er sich in fünfzig Minuten einmal durch sein komplettes Repertoire. Leider jedoch verzwergte er dabei den schrägen selbstwidersprüchlichen Reichtum an Sounds und Ideen auf das Format einer normalen Indierockkapelle. Abgesehen von einem am linken Bühnenrand gelegentlich beplinkerten Xylophon gab es nur Gitarre, Bass und Schlagzeug zu hören; anstatt des kehligen Glucksens wurde hochgepitchtes maskulines Geröhre nach Art der frühen Strokes gepflegt. Meine Güte, die Strokes. Brauchen wir im Jahr 2012 wirklich schon ein Revival der Musik aus dem Jahr 2001? Ich meine: nein.
Deutlicher noch als auf der Platte trat im Konzert zudem  der für den Oberhipster Oberhofer charakteristische O-Fetischismus zum Vorschein. Seine Stücke tragen stets Titel mit auffällig vielen oder auffällig wenigen ,O’s, sie heißen zum Beispiel „Homebro“, „Gold“, „oOoO“ oder aber „Away Frm U“ oder „Yr Face“. O oder nicht O? Über diese Frage scheint Oberhofer sich gerne Gedanken zu machen. Auf der Bühne ersetzte er im Verlauf des Abends immer längere Textpassagen mit immer ausdauernder geheulten O-Variationen wie „ohohohohoho“, „o-o-o-oooo-ooo“ oder „owowo-ohowo-owo“, woraufhin wir am Ende mit „oh je“, „oh weh“ und „oh oh“ entflohen.
Oberhofer: Time Capsules II
(Glassnote/Cooperative/Universal)

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