Donna Summer 1948 – 2012

Aaaah! Uuuuh! Mmmmh! Uaaah! Huuuuh! Rrroaarr! Ich liebe es Dich zu lieben, Baby! Aaaaaah! Huuuh! Hihihihi! Ooh! Der längste und beste und bis auf heutigen Tag immer noch lustigste und lustvollste Orgasmus der Popmusikgeschichte wurde im Jahr 1975 von der damals blutjungen streng christlich erzogenen Gospelchorsängerin LaDonna Andrea Gaines über eine Viertelstunde lang ins Mikrofon gehechelt, gehaucht und gestöhnt; zu einem samtschwül geschmeichelten, kunstvoll verschleppten Discobeat mit ihrerseits atemlos knapp vor dem Höhepunkt herumzitternden Streichern und einer liebevollst mit wirklich ganz spitzen Fingern gekraulten Gitarre. „Love To Love You Baby“! Aaaah! Ein immer noch unfassbares Stück! Erdacht von dem aus Südtirol stammenden Produzenten Hansjörg „Giorgio“ Moroder – und der erste Hit, mit dem er seine damals seit kurzem unter dem Pseudonym Donna Summer auftretende Sing- und Stöhnmuse zu internationalem Erfolg führte. Außer in jenen Ländern, in denen – wie etwa in Großbritannien – das Stück wegen seiner zweifellos sexuell enthemmenden, moralisch verrohenden und jugendverderbenden Wirkung umgehend aus dem Radioprogramm verbannt wurde.
Ach! Donna Summer! Mmmhh! Am Silvestertag 1948 geboren, verbrachte sie ihre Jugend in Boston und begann ihre Sangeskarriere in kirchlichen Gemeindechören. Ende der Sechzigerjahre kam sie nach Europa, um mit der deutschen Version von „Hair“ über die Musical-Bühnen zu tingeln; wegen ihres ersten Ehemanns Helmut Sommer (von dem sie den Künstlernamen entlieh) ließ sie sich in München nieder und begann dort mit dem gerade aufstrebenden Moroder zu arbeiten. Der kam eigentlich aus dem Schlagerfach, er hatte zuvor zum Beispiel mit Michael Holm und Mary Roos musiziert – bis er zum einen den damals noch neuen Moog-Synthesizer entdeckte und zum anderen Donna Summer.
Gemeinsam wurden sie zum unwahrscheinlichsten und glücklichsten Duo, das man sich vorstellen kann: die Sängerin aus der Gospel- und Blues-Tradition und der Produzent, der seine wesentlichen Inspirationen aus dem deutschen Krautrock jener Jahre bezog. Von Popol Vuh, Tangerine Dream  und Kraftwerk entlieh Moroder die Ästhetik der reinen Repetition, den völligen Verzicht auf Strophe-Refrain-Strukturen, die kunstvoll kalkuliert endlos angehaltene Spannung. Donna Summer aber beschenkte die kalten technischen Sounds wie niemand sonst mit Wärme, Soul und Sex.
Ihr Meisterstück „I Feel Love“, 1977 entstanden, trieb diesen Gegensatz noch auf die Spitze: Die Wiederholung einfachster Synthesizermotive verband sich hier mit einem fast völlig fragmentiertem Gesang; einem Gesang,  der sich ganz in den Rhythmus legte und selber zum rhythmischen Instrument wurde. Musikalischer Minimalismus paarte sich mit maximaler Erotik – so etwas hatte man allerdings noch nie gehört. Noch toller war nur, dass „ I Feel Love“, dieses Werk der radikalen Avantgarde, tatsächlich ein weltweiter Hit wurde. Mehrere Generationen von DJs und Produzenten hat der Song inspiriert und geprägt, bis in die jüngsten Glieder des Minimal Techno und House.
Die utopische Kraft und die Klasse dieser Musik hat Donna Summer in ihrer späteren Karriere nie wieder erreicht.  Zurück in den USA, versuchte Michael-Jackson-Produzent Quincy Jones sie Anfang der Achtziger  nach dem Vorbild von „Thriller“ zum universell einsetzbaren Dance-Rock-Star aufzubauen; aus dieser Phase ist eigentlich nur das mit Jackson und Eric Clapton produzierte „State of Independence“ von Bedeutung. 1983 kehrte sie noch einmal zu elektronisch geprägten Sounds zurück, auf der LP „She Works Hard For The Money“. Deren Titelstück wurde mit dem dazugehörigen Videoclip einer der ersten markanten Hits auf MTV: Darin zeigt Summer das Schicksal einer alleinerziehenden Mutter, die in mehreren Jobs bis zur Erschöpfung arbeitet – und am Ende in einem Straßenballett mit anderen Frauen gegen die Verhältnisse aufbegehrt. Ein Song, der auch autobiografische Züge besaß: Ihre erste Tochter, Mimi, wurde 1973 geboren, zwei Jahre vor Summers Durchbruch; mit ihrem zweiten Mann Bruce Sudano hatte sie zwei weitere Töchter, Brooklyn und Amanda.
Seit Mitte der 80er-Jahre wirkte sie mit schwindendem Erfolg in verschiedenen Stilen; in den Neunzigern versuchte sie sich gar in Nashville als Country-Sängerin. Doch egal, selbst wenn sie uns nur diese beiden Songs aus ihrem Frühwerk geschenkt hätte – Donna Summer wäre noch immer eine der ganz Großen, eine wahre Königin des Pop. Am Donnerstag ist sie im Alter von 63 Jahren in Florida gestorben.

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Ein Gedanke zu “Donna Summer 1948 – 2012

  1. Hab sie damals mit meinem Grundig-Radiorecorder auf NDR2 aufgenommen (Internationale Hitparade mit Wolf-Dieter Stubel) und sie für immer im Herzen bewahrt. Gute Reise, Donna Summer!

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