Aserbaidschan und die Männermützentragfrage

Drei Mal werden wir noch wach, dann beginnt im aserbaidschanischen Baku das bedeutendste popmusikalische Ereignis, das man in diesem Jahr auf der euroasiatischen Kontinentalplatte überhaupt nur erleben kann: der Eurovision Song Contest! In der internationalen Kulturpresse wurden im Vorfeld dieser Veranstaltung bereits diverse mit ihr  im Zusammenhang stehende Fragen ebenso systematisch wie gelegentlich auch erregt erörtert, zum Beispiel: Darf man in einer derart finsteren Diktatur wie der aserbaidschanischen überhaupt so heitere Hupfdohlenmusik aufführen wie von den Kuratoren des Eurovision Song Contest offensichtlich geplant?  Oder müsste man da nicht eher etwas stimmungsmäßig Herabziehendes spielen? Zum Beispiel Zwölftonmusik von Adorno? Oder Musik mit sozialkritisch aufrüttelnden Texten? Oder stimmungsmäßig herabziehende Musik mit sozialkritisch aufrüttelnden Texten? Zum  Beispiel von Wolfgang Niedecken und Bap? Hilft der Genuss von heiterer Hupfdohlenmusik bei der Forcierung von Demokratisierungsprozessen? Oder lähmt er nicht vielmehr das kritische Denken? Und warum trägt der für Deutschland antretende Kandidat Roman Lob eigentlich immer diese beknackte Wollmütze, gerade auch an Orten, an denen man sicher nicht friert?
Zu dieser – auch im Weichbild des Berliner  Nacht- und Kulturlebens weiterhin virulenten – Männermützentragfrage erreicht mich eine aufschlussreiche Zuschrift von unserer Leserin Henrike Werner. Sie schreibt:  „Sehr geehrter Herr Balzer, zu der von Ihnen bereits mehrfach aufgeworfenen Frage, warum junge Hipster-Männer vermehrt Wollmützen oder gar Schiebermützen auch während brodelnd-heißer Konzertabende tragen, folgende Überlegungen: Für Männer über 25, die eigentlich keine Jugendlichen mehr sind, die aber in Berlin eine neue Generation von Jungerwachsenen-Subkultur bilden, wobei sie wiederum nicht genug Arsch in der kreativen Hose haben, um sich tatsächlich stilmäßig abzugrenzen, bleiben nur wenige Beigaben, um ihr Hipstertum nach außen nonverbal zu kommunizieren. Der Bart, die Nerd-Brille und die richtige Jeansmarke – und natürlich: die Mütze! Sie dient  als Erkennungsmerkmal einer – zugegebenermaßen stilmäßig recht öden – Subkultur und darf deswegen auch nicht auf Konzerten abgenommen werden – denn gerade hier erfüllt sie ihren neuen Zweck, da die Hipster-Männer von Hipster-Frauen mit Dutt auf dem Kopf als ihresgleichen erkannt und angesprochen werden möchten.“
Sehr interessant, vor allem die Parallele zwischen Männermütze und Frauenfrisur. Um den jungen Berliner Hipster-Mädchen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, sollte man freilich anmerken, dass die eine Weile lang unter ihnen unangenehm grassierende Duttmode inzwischen wieder abgeflaut ist. Im Sommer vor zwei Jahren frisierten sich fast ja alle Frauen zwischen 20 und 30 wie westdeutsche Biologielehrerinnen aus dem Jahr 1970; inzwischen  ist wieder  mehr Haarpluralismus erlaubt, selbst im Indierock-Ballermann rund um die Oberbaumbrücke konnten kürzlich einige Bobschnitte gesichtet werden. Bleibt die Frage: Wenn die Wollmütze der Dutt des Hipster-Manns ist, was ist dann die Schiebermütze der Hipster-Mädchen?
Diese und andere Fragen der komplexen Beziehung zwischen Popmusik, Mode, Frisuren und der generellen nonverbalen Kommunikation paarungsbereiter Großstadtbewohner werden selbstverständlich auch  auf dem Debattenplan stehen, wenn Tobi Müller und ich am kommenden Dienstag, den 29. Mai, zum letzten Mal zur Popkritik-Show in den Roten Salon der Volksbühne laden: Zu Gast bei „Livekritik und Dosenmusik“ ist dann nämlich die Sexualberaterin, Elektroclash- und Barockmusiksängerin Merrill Beth Nisker alias Peaches („Fuck the Pain Away“). Wir spielen einander zum Beispiel „Cut the World“ vor, die neue (und letzte!) Single von Antony and the Johnsons, aber auch neue Platten von Dexy’s Midnight Runners und  Light Asylum sowie „I Feel Love“ von Donna Summer und andere Orgasmusmusik aus vier Jahrhunderten. Zudem reden wir darüber! Ein interessanter Abend, den Sie nicht verpassen sollten, Beginn ist um 21 Uhr.

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2 Gedanken zu “Aserbaidschan und die Männermützentragfrage

  1. Ich würde gerne kommen- interessehalber und weil die junge Frau P. den selben Friseur hat, wo meine Frau arbeitet und immer so freundlich grüßt wenn man reinkommt und wenn Sie dann auch Zeit finden würden, die Steinvord EP aus dem Hause rephlex zu besprechen, nach meiner Kenntnis, das einzige Vinylrelease von Hr. R.D. James in 2012.

    Ich mag ja auch eine nette Kurzweil mit 20min lustigen Brummtönen, aber wenn ich zur Unterhaltungstalkshow gehe, sollte es doch auch mal einen Knallbonbon geben, der dem Publikum ein „oh“ oder „ah“ entlockt, nichtwahr.

    Wie dem auch sei- Vielen Dank für die Einladung!

    Ihr
    civ31

    PS. Ich habe mir auch schon ernsthaft Gedanken um die NeoRilkes von BAP gemacht und für mich entschieden, dass das Genre Mundartdeutschrock zu heavy für mich ist. So etwas grausames lehne ich ab und verurteile es aufs schärfste!

    PPS. Halten Sie sich fest. Nächste Woche oder übernächste spielt die sogenannte Combo „Keimzeit“ in der Kulturbauerei. LÜGE- die nehmen mittlerweile den GANZEN Hof ein! Das ist eine Sekte.. Ich wußte es seit 1994, wo ich sie in FF/O 3,5h live ertragen habe- was nur mit Alkohol gelang. Ich weiss nicht, wie diese Leute derzeit neues Publikum aquirieren, Kasetten oder selbstgebrannte CDs über den Geburtstagsgeschenkevertrieb gibt´s ja bei der werberelevanten Zielgruppe nicht mehr- bitte recherchieren und warnen Sie auf der Schülerseite!

  2. Ich schlage für den Abend auch Klassik von Hr. Timothy J. Fairplay- „The Last Reel“ vor.
    Vielleicht sind ja nicht alle Hüpfer im Publikum so jung wie wir, Hr. Balzer- HaHa.

    Ihr
    civ31